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Alles außer gewöhnlich

21.Mai 2019 // Leseprobe aus Ausgabe 15

Alles außer gewöhnlich

Man darf sich hier in Opfingen nicht täuschen lassen. Wo Biedermeier sind, gibt es auch Brandstifter. Also an den Ingenieurbüros vorbei, die großen Gewerbehallen und Karls Fightclub links liegen lassen. Dann den Pitbull ignorieren, der hinterm Zaun patrouilliert und mutig nach Matze rufen, dem Chef von Black Ace Customs.

DER SCHWARZWALD HÄNGT ALLE AB …

Wir sind hier, weil in dieser Werkstatt das vielleicht coolste Schwarzwald-Moped aller Zeiten gebaut worden ist und seither am laufenden Band Pokale einfährt. Auf Tuning-Messen und bei Custom-Bike-Wettbewerben macht der Schwarzwald auf zwei Reifen derzeit alles nass, was nicht bei drei auf der Tanne ist. Rund 2000 Stunden Arbeit haben Matthias „Matze“ Granacher, sein Mechaniker Kai Krämer und Armin Ruck als Besitzer des Bikes in ihren Traum investiert. Grundlage ist eine Harley Davidson aus dem Jahr 1977, Modell Shovel Lowrider. Als dieses Bike gebaut wurde, waren Harleys in Deutschland noch längstnicht in Mode. Nur die ganz coolen Zauselbärte saßen damals auf den Böcken aus Milwaukee und kippten für 500 Kilometer einen ganzen Liter Öl in ihre Feuerstühle. Alltagstauglich ist was anderes …

„Wir haben alles auseinandergenommen“, sagt Matze. „Motor, Getriebe, jedes Teil. Alles zerlegt, gesandstrahlt, gepulvert und auf Evo-Technologie umgestellt. Kein Kläppern mehr, kein Tropfen und mehr Leistung.“ Parallel dazu hat man sich das Moped optisch vorgenommen. Hat sichGedanken gemacht, was denn Heimat im Schwarzwald ausmacht. Also auf ins Kuckucksuhrenwerk. Schön große Tannenzapfen gießen lassen und dann Fußrasten, Fußschaltung und Kickerpedal draus bauen. Das aber war noch die einfachste Übung.

„Der Besitzer des Bikes, und damit unser Auftraggeber, ist Schreiner“, sagt Matze Granacher. „Er hat sich in liebevoller Leimarbeit um Stoßdämpfer-Cover aus Echtholz gekümmert, um die Bremssattelembleme vorn und die Holzintarsien in der Primärabdeckung.“ Zusätzlich bekam die Fußrastenanlage eine Holzverkleidung, die Batterieabdeckung ist auch aus Holz, mit Schwalbenschwanzverzapfung veredelt und gekrönt von der Freiburger Skyline. Denn: Chrom kann jeder. Oder Metall in Form biegen. Holz aber ist ein Werkstoff, der viel Know-how verlangt.

AUF GROBEN STOLLENREIFEN DURCH DEN WALD

Kuckucksuhr, Bollenhut sowie Fuchs und Hase finden sich im Airbrush auf dem Tank und auch die Jägerschaft durfte ihren Teil zum Bike beitragen: Die Griffe am Lenker sind aus unterarmdicken Geweihstangen. Ein sehr großer Hirsch muss das gewesen sein und irgendwie passt auch das zum Bike: Dass man den Bock fast so weit hören kann wie einen röhrenden Hirsch. Einen noch kapitaleren Hirsch hat man für die mächtige Handschaltung hinzugezogen, dagegen wirkt der Zündschlüssel vom Rehbock richtig süß.

Als Hommage an die unbefestigten Wege im Schwarzwald rollt das Bike auf groben Stollenreifen mit handgemachtem Auspuff in Richtung Schwarzwald-hochstraße. Der Standardauspuff ist natürlich verschwunden, stattdessen haben Matze und Kai Serpentinen aus Edelstahl gewunden und mit Auspuffband umwickelt.

Unterm Strich stecken 2000 Stunden Arbeit in dem Motorrad. Im Grunde ist so ein Projekt wie ein Puzzle mit tausend Teilen – nur, dass man eben jedes einzelne individuell anpassen muss, ehe man ans nächste Detail geht. „Es ist einfach genial, wenn man mit seiner Hände Arbeit so etwas schaffen kann“, sagt Kai. „Da kann man
schon mal die Zeit vergessen und bis nachts um drei oder vier an dem Bike schrauben.“

WAS, BITTE, IST GERADE NOCH LEGAL?

Es geht bei Black Ace Customs auch darum, die Grenzen der Straßenverkehrsordnung auszuloten. Was ist noch genehmigungsfähig und legal zu bewegen? Wie laut darf der Auspuff sein? Was ist noch sicher zu bewegen? Und am besten natürlich nicht nur bis zum Eiscafé und zurück, sondern gern auch mal den Schauinsland hoch, Richtung Hotzenwald runter und dann gemütlich durchs Elsass zurück nach Freiburg.

Jedes Jahr entsteht bei Black Ace Customs ein Komplettumbau aus der Gewichtsklasse des Schwarzwald-Motorrads. Die Vorgänger kann man im Showroom bewundern: die Nortrod zum Beispiel, ein Café-Racer, der mit Teilen vier ganz verschiedener Maschinen entstanden ist. Der Motor von Harleys V-Rod, die Schwinge von MV Agusta, der Kühler von Ducati. Oder die Army-Maschine aus dem Zweiten Weltkrieg. Gleich daneben steht der private Bock von Matze Granacher: ein schwerer, schwarzer Chopper mit Edelbock-Technik auf dem Harley-Motor und einer Automatik, die es so natürlich auch nicht serienmäßig gibt.

Als nächstes oder übernächstes großes Projekt wartet ein 1955er Ford F 100 auf Liebe und Zuneigung. Die derzeit noch komplett leere Karosserie vom alten US-Pick-up soll demnächst mit dem Fahrgestell und dem Motor einer Corvette verheiratet werden. Ein Wolf im Schafspelz also. Nach außen gemütlich, in Wirklichkeit aber fast so schnell wie ein Rennwagen. Aber dazu dann ein andermal mehr …

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