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Fischen für Feingeister

21.Mai 2019 // Leseprobe aus Ausgabe 15

Fischen für Feingeister

Man ist ja nie zu alt fürs erste Mal. Auch nicht mit 43. Dass ich angle, seit ich sechs bin, wird heute allerdings nicht viel helfen. Denn die heißgeliebte Spinnrute bleibt im Kofferraum. Stattdessen gehen wir mit einem Meister seines Fachs Fliegenfischen. Unser Revier: ein Wildbach oben im Nordschwarzwald. Unser Ziel: auf die eleganteste aller Arten eine Bachforelle auf die Flossen zu legen und dabei einen Zauber zu spüren, den die meisten von uns nur aus dem Kino kennen. Ihr wisst schon: Aus der Mitte entspringt ein Fluss …

Fliegenfischen wissen wir von Robert Redford und Brad Pitt: Das ist wie Florettfechten. Immerden Fang des Lebens vor der Nase. Dafür aber muss niemand nach Montana. Wir klettern lieber das mit riesigen Felsbrocken übersäte Bachbett der Murg empor, wollen mit der Fliege Gumpen anwerfen und hinter den großen Steinen fischen, wo die Forellen im Strömungsschatten auf Beute lauern. Alles mit einer Rute ohne richtige Rolle, nur mit einer künstlichen Fliege am Vorfach und einer Wathose bis zur Brust. Dagegen wirken Wurm, Pose, Blei und Klappstuhl, Teleskoprute, Vesperbox und Bierdose wie Utensilien für die Jagd mit Kanonen auf Spatzen.

UNSER GUIDE IST …

Unser Guide für die Entdeckung einer neuen Freude am Fischen ist Gotthard Brennsteiner. 59 Jahre jung, ein Naturfreund aus Bühl undTeilhaber bei Fisherman’s Partner in Rastatt. Der fast turnhallengroße Laden ist eine Mischung aus Klubhaus, Supermarkt und Begegnungsstätte für Angler von Karlsruhe bis Offenburg. Hier bucht man seine Angelurlaube, träumt vom eigenen Boot, fachsimpelt bis zum Geht-nicht-mehr und ersteht ein paar Tageskarten fürs Elsass. In Frankreichmuss man als Angler nämlich nicht erst einen mehrwöchigen Lehrgang mit kniffliger Prüfung machen. Man kauft seine Tageskarte, steht ans Gewässer, Petri Heil.

… EIN WELTENBUMMLERFran

Gotthard ist ein Weltenbummler in Sachen Fliegenfischen. Norwegen und Neuseeland,Kanada, Kroatien und Dänemark – alles schon beangelt. Er hat in Schweden Lachse überlistet und in Spanien kapitale Karpfen ans Ufer gewuchtet. Angefangen aber hat alles hier oben an der Schwarzenbachtalsperre bei Forbach. „Ein Wildkarpfen mit gut sechs Pfund“, sagt Gotthard und strahlt, als hätte er den Drill immer noch in den Armen. Solche Anfänger wie uns nimmt Gotthard von Frühjahr bis Herbst etwa alle zwei Wochen mit ans Gewässer. Nie mehr als zwei Personen auf einmal. Aufs Jahr gesehen macht das 30 Glückliche, die sich in eine von Gotthards vielen Wathosen zwängen dürfen. Von der Rute über Rolle, Schnur, Vorfach, Kescher, Fliegen und Frühstück bekommen Gotthards Gäste alles, was man für einen tollen Tag an der Murg bei Schönmünzach so brauchen kann.

Und heute sind halt wir die Glücklichen: Franziska Dreher aus dem Grafik-Team und der Chef persönlich. Dass ich, der #heimat-Herausgeber Ulf Tietge, mir so eine Chance nicht nehmen lasse, das war der Redaktion von vornherein klar.

Wir angeln an Gotthards privat gepachtetem Gewässer, einem wunderschönen Abschnitt der Murg. Privatgewässer bedeutet: kein Verein, wenig Angeldruck und daher auch ein sehr gesunder Bestand. „Es ist leider so, dass viele Vereine ihre Gewässer überfischen“, bestätigt Gotthard. „Was halbwegs massig ist, landet in der Küche. Wir Angler dürfen uns über unseren schlechten Ruf nicht wundern, wenn wir möglichst viel einsetzen und möglichst viel entnehmen.“

OHNE EIMER, OHNE KÜHLTRUHE

Mit welcher Einstellung ein Angler ans Gewässer geht: das sieht man schon am Fanggerät. Großer Eimer oder Kühltruhe? Eben. Selektive große Wobbler, Gummifische und Spinner mit Einzelhaken oder doch lieber Drillingshaken, die sich dem Fisch mit gleich drei Zinken ins Maul bohren? „Wenn ich mit der Fliege einen Fisch fange, ist die Verletzung nicht schwerwiegender als beim Setzen einer Spritze“, sagt Gotthard und zeigt auf die dünndrahtigen, superscharfen Haken aus japanischem Spezialstahl. Dass ich mir nachher aus Versehen (aber wie zum Beweis) noch selber einen in den Daumen ramme – herrlich. In jedem Fall ist bewiesen: Der Pieks ist echt nicht so schlimm wie gedacht …

„LASS DIE RUTE ARBEITEN!“

Bevor wir ans Wasser dürfen, lässt uns Gotthard Trockenübungen machen. Oben auf der Wiese. Drei, vier Meter Schnur raus. Mit der rechten Hand wird die diese über der Rolle an der Rute gehalten. Dann die Rute zurückschwingen, das Handgelenk steif lassen, das Angelgerät arbeiten lassen und auf die Schnur achten. Erst wenn die ganz hinten ist, schön gestreckt, dann schwingt die Rute wieder vor. Hat ein bisschen was von Peitsche mit Stock, von Cowboy und Lasso. Eine Übungssache, aber viel leichter als gedacht. Gotthard hat trotzdem noch viele Tipps für uns: „Lass die Rute arbeiten! Nicht zu schnell werden! Immer warten, bis die Schnur gestreckt ist!
Nicht so hektisch! Weniger Kraft und den Arm dichter an den Körper!“

Vielleicht ist es dann doch nicht so einfach? Naja, Franny kriegt es locker hin, dann werde ich mich jetzt wohl mal ranhalten. „In den vergangenen zehn Jahren habe ich 200 neue Fliegenfischer ausgebildet“, sagt Gotthard. „Nur bei einem hab’ ich gesagt: Spar dir die Kursgebühr, es macht keinen Sinn.“ Nach einer halben Stunde klappt es immer besser. Der Bewegungsablauf ist offenbar verinnerlicht. Das imaginäre Ziel anwerfen: check! Zwei oder auch drei Meter mehr Schnur: läuft. Klarer Fall: WIR WOLLEN JETZT ANS WASSER!

BIS ZUM HINTERN IN DER MURG

Gotthard hat ein Einsehen und wir kraxeln die Böschung hinunter. Sieht bei Gotthard spielerisch leicht aus, stellt mich in der sperrigen Wathose aber gleichgewichtsmäßig echt vor Probleme. Elegant wie ein Stahlwerk geht es am Ende doch. Endlich am Wasser! Oder besser gesagt: mittendrin. Vier Grad hat die Murg derzeit und wir stehen bis zum Hintern im eisigen Bach.

Was eben noch als Trockenübung ganz einfach war, gestaltet sich jetzt doch noch einmal schwieriger. Rückschwung und vor. Nee. Nochmal. Rückschwung, wieder nach vorn und yes! Der Adler ist gelandet! Schön langsam sinkt die Nassfliege und ich zupf sie Stückchen für Stückchen zu mir. Forellen jagen ja mit den Augen. Und je mehr die Nassfliege wie eine echte Köcherfliegenlarve aussieht, umso besser. Wenn ich Fisch wäre, ich würde beißen. Auf! Der! Stelle!

Nur: Die echten Fische sehen das anders. Ich werfe, die flüchten. Oder schauen nicht hin. Oder haben keinen Appetit. Oder vertrödeln den Tag in irgendeiner Höhle. Aber unter uns: Das macht überhaupt nichts. Mitten im Bach verlierst Du auch ohne Drill
die Zeit aus dem Blick. Alltag? Kenn ich nicht. Stress, Termine, Druck – nicht hier. Der Bach gluckert und rauscht, er sprudelt, knirscht und wütet. Ein schöner Wind pfeift immer wieder böig das Tal herunter und die kräftige Frühlingssonne wärmt mir die Haut. Nebenbei werfe ich Stein für Stein an. Immer flussaufwärts. Werfen, ein paar Schritte gehen, wieder werfen. Das ist wie Meditieren. Oder wenn ihr so wollt: Yoga für Fortgeschrittene. Und dann: Fisch! Eine kräftige Bachforelle hat sich unsere Nassfliege geschnappt. Der Fisch flüchtet in die Strömung und macht Druck. Schnur geben! Schnur geben! Dabei nie den Kontakt verlieren, die Spannung! Und die Rutenspitze hoch! So wirkt die Angel wie ein Stoßdämpfer. Nach drei, vier Minuten wird die Forelle langsamer. Jetzt die Schnur einholen, damit der Fisch nicht in eine Höhle entkommt und die Schnur an den scharfkantigen Felsen durchscheuert. Erst jetzt können wir den Fisch das erste Mal im Wasser sehen. Was für ein schönes Tier! Gut 40 Zentimeter lang und knapp ein Kilo schwer. „Fünf Jahre“, sagt Gotthard, als wir den Fisch aus dem Wasser holen: „Der darf mit!“

Nun denn. Wir sind im Jagdfieber! Adrenalin im Körper, Glückshormone in der Großhirnrinde. Was ist das Leben schön! Einen weiteren Fisch fangen wir nicht, aber das trübt die Freude über diesen schönen Tag kein bisschen. Im Gegenteil …

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