Mein Konto 0 0781 / 919705-0
0

Fit wie'n Turnschuh

5.1 2021 // Leseprobe aus Ausgabe 24

Fit wie'n Turnschuh

Falsche Ernährung, einseitige Haltung, kaum Bewegung. Was tun? Die Alternative zur Muckibude heißt Schwarzwald. Gute Luft, viel Platz und keinen stört's, wenn man mal schreien muss vor Lust oder Schmerz.

Mein Handy klingelt um 5:45 Uhr. Aufstehen! Jetzt? Wie erstarrt verharre ich in Fötusstellung. Doch mir bleibt keine Wahl. Schließlich habe ich eine Mission: Frühsport. Um halb acht bin ich mit dem Offenburger Personal Trainer Marcel Doll am Trimm-dich-Pfad bei der Wolfsgrube in Zell-Weierbach verabredet. Das Problem ist nur: Ich bin nicht nur hundemüde, sondern komplett außer Form.

Spätestens ab Mitte 30 geht’s körperlich abwärts, sagt die Wissenschaft. Tatsächlich spüre ich es. Das Schlüsselbein knackt. Die Schulter quietscht. Knieschmerzen. Die monotone Haltung am Schreibtisch macht meinem Rücken zu schaffen. Seit einer Weile rede ich mir ein, dass ich genauso fit werden könnte, wie es mal war. Eigentlich bin ich ja ein leidenschaftlicher Sportler. Eigentlich. Aber, Ihr kennt es, Familie und Job, die Zeit ist knapp. Da geht die Disziplin schon mal flöten. Am liebsten würde ich wieder die Decke über den Kopf ziehen…

Bereit sein ist alles

Noch in der Dämmerung erreiche ich die Wolfsgrube. Die Wolkendecke hängt tief über dem Schwarzwald, ein kalter Nordwind pfeift. Am Parkplatz erwartet mich Marcel schon mit freudigem Grinsen: „Na, fit?“ „Klaro, ich bin bereit“, was in Wirklichkeit heißt: „Puh, ganz schon früh, oder?“ Mit dabei ist Nachwuchstrainerin Elena. Zusammen mit Marcel wird sie mir heute Beine machen. Der studierte Fitnessökonom ist ein echter Modellathlet. Seit 2014 betreibt er sein eigenes Studio. Wer keine Lust auf schwitzige Muckibuden hat, bekommt hier ein individuelles Programm. Trainiert wird ausschließlich mit dem eigenen Körpergewicht und Kleingeräten, „weil das unserem natürlichen Bewegungsablauf am nächsten kommt“.

Ich habe mich aus gutem Grund für ihn und den Schwarzwald als „Muckibude“ entschieden. Denn er ist unser Paradies! Hier habe ich echtes Tageslicht, frische Luft, eine schöne und abwechslungsreiche Umgebung und vor allem Ruhe. Im Fitness wäre ich nie alleine, hätte ständig Geräusche in den Ohren und Tausend Leute um mich herum, die sich in Sachen Training mit anderen vergleichen. Der Schwarzwald ist meine Motivation. Denn hey, was gibt es Geileres, als sich an der frischen Luft zu bewegen? Außerdem hätt’ ich noch ein tolles Panorama zum Radler, zumindest abends.

Der Wald gibt Ruhe und Kraft

Auch für Marcel bedeutet Fitness nicht, sich nach stundenlangem Sitzen vor dem Bildschirm gleich wieder an irgendwelche Geräte zu setzen und eine starre Bewegung nach der anderen zu machen. Er selbst mache bis zu bis fünf Mal pro Woche Sport, häufig oben an der Wolfsgrube. „Die Ruhe hier im Wald hilft mir, in stressigen Phasen den Akku wieder aufzuladen“, sagt er. Sein innerer Schweinehund sei mittlerweile zu einem Zwergspitz geschrumpft. Wie er das geschafft hat? „Indem ich mir Ziele setze. Wie bei vielem im Leben zählt die Kontinuität.“ Was Marcel meint, weiß ich ganz genau, fühle mich im selben Moment aber so schlaff wie ein alter Boxsack.

Ein Trainer kennt kein Pardon

Marcels Aufwärmprogramm hat es in sich. „Bauch anspannen, Po zusammenkneifen. Genau so!“, feuert mich Elena an. Kraft, Koordination, Bewegung: In der Schlinge, einem quasi universell einsetzbaren Gurtsystem, muss man den gesamten Körper stabilisieren, was ganz schön anstrengend ist. Nach 20 Minuten zwinge ich mich mit einem Urschrei zur letzten Wiederholung. Ba bam, ba bam, ba bam! Mein Herz donnert! Weiter geht’s auf dem Trimm-dich-Pfad. Die Vögel zwitschern, der Bach plätschert und ich hechle mit bleischweren Beinen Marcel und Elena hinterher, die mühelos über den weichen Waldboden zu federn scheinen. Jeder Stopp bedeutet eine weitere Übung aus Marcels schier unerschöpflichem Folter-Reservoir: Hantelheben mit Holzscheiten, Bocksprünge über Baumstämme, Steigerungsläufe. Die Böschung runter und wieder rauf, runter und wieder rauf. Meine Muskeln brennen und die Lunge pfeift. Bei der letzten Kniebeuge sehe ich plötzlich Sternchen. Schwindel. Mir wird schwarz vor Augen.

Marcel sagt, ein guter Coach müsse erkennen, wann ein Kunde am Limit ist oder ob er noch eine Schippe drauflegen kann. Er ist ein guter Coach, ich aber nicht am Limit. Eher komplett am Ende. Denn jetzt ist er da, mein innerer Schweinehund. „Hey, was soll’s. Morgen ist auch noch ein Tag“, säuselt es in meinem Kopf. „Mach locker.“ Wär ich jetzt allein, weiß Gott, ich würde ihm sofort nachgeben. Doch mir bleibt keine Zeit zum Nachdenken. Marcel blickt mir nur tief in die Augen. „Da geht noch was! Endspurt!“ Mit Hängen und Würgen laufe ich das Ding nach Hause. Das Ziel, die Erlösung. Meine Belohnung, eine Erkenntnis: weniger denken, einfach machen.

Ob ich jemals wieder an meine Bestform anknüpfen werde? Ehrlich gesagt: unwahrscheinlich. Aber ich hab’s geschafft – und der Tag hat gerade erst begonnen. Ich blinzle über die Zell-Weierbacher Reben in die Sonne und flute meine Lungen mit einem tiefen Atemzug frischer Schwarzwald- Luft. So gut hab’ ich mich schon lange nicht mehr gefühlt. Oder um es mit den Worten von Marcel Doll zu sagen: Es lohnt sich immer anzufangen, auch wenn man nicht so motiviert ist. Denn häufig macht man die besten Erfahrungen ausgerechnet dann, wenn man sie am wenigsten erwartet.

Du bist angesteckt vom #heimat-Fieber und willst keine Ausgabe verpassen?

#heimat im Abo

Zurück


Weitere Beiträge

Ein Mann, ein Lauf

Ein Mann, ein Lauf

Lutz Lorberg ist von besonderem Kaliber. Es ist firm mit Leder, Hölzern und Metallen, kann schießen und ist einer der letzten Büchsenmacher im Schwarzwald. . .

Weiterlesen

Wenn Wünsche fliegen lernen

Wenn Wünsche fliegen lernen

Auf Hügeln brennen Feuer, Funken tanzen durch die Nacht: Die Zeit des Scheibenschlagens ist da. Ein herrlicher alemannischer Brauch, der schon beim Zugucken die Herzen wärmt.

Weiterlesen