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Harte Jungs, laute Sägen

9.2 2020 // Leseprobe aus Ausgabe 18

Harte Jungs, laute Sägen

Die Holzfällerei im Schwarzwald ist trotz modernem Gerät ein Knochenjob. Und es geht nicht nur ums Bäumefällen. Denn unser Wald ist im Wandel und Naturschutz wird immer wichtiger. 

Gleich kommt der Moment, in dem rund 60 Jahre Baumleben mit lautem Donnern einfach in den Wald krachen werden. Manuel Braun stellt den Motor seiner Säge ab. Für ein paar Sekunden ist es leise. Irgendwo knackt ein Ast. Dann ruft der Forstwirt noch ein „Achtung“ in die Stille des Moments hinein. Mithilfe eines Keils wird die Buche gleich in die gewünschte Richtung fallen. Hätte Manuel den 25 Meter hohen Baum einfach durchgesägt, er wäre womöglich in die falsche gekracht. Präzision ist bei der Waldarbeit wichtig. Überlebenswichtig sogar …

Hier im Forstrevier Gereut zwischen Lahr-Reichenbach und Hohberg – und auch sonstwo im Schwarzwald – wird es nicht die letzte Buche sein, die in diesen Winterwochen ihr Ende findet. Überall sind derzeit Forstarbeiter wie Manuel und Kollege Klaus Schwörer im Einsatz. Mit röhrenden Sägen und kraftstrotzenden Maschinen. Trotz allem: Waldarbeit ist ein Knochenjob. Und es geht hier auch nicht nur um das Fällen von Bäumen. Im Wald müssen gleich mehrere Ziele vereint werden: Wirtschaftlichkeit und Naturschutz, aber auch Sicherheit und der Schutz des Erholungsraums. Und zu guter Letzt geht es hier auch um unsere Zukunft. Schließlich wird das, was man heute tut, das Bild unseres Waldes für Jahrzehnte prägen …

Opfer der Trockenheit

Generell wird im Wald das ganze Jahr gesägt, gehegt und gepflegt. Rund 35 Forstwirte hat das Landratsamt Ortenaukreis dafür im Einsatz. Dazu kommen 30 Förster. Laubbäume können die Waldarbeiter allerdings nur in den kalten Monaten fällen, wenn keine Blätter mehr dran sind. Aus rein praktischen, aber auch aus Naturschutz- und Sicherheitsgründen. „Weil man sonst kaum reagieren könnte, wenn beim Sägen plötzlich ein großer dürrer Ast von oben runterkracht“, erklärt Revierförster Christoph Kurzbach. Und dieses Risiko ist derzeit alles andere als gering: „Die Trockenheit der vergangenen Sommer hat den Buchen schwer zugesetzt“, sagt der Förster. Gerade an Südhängen reiche die Wasserversorgung im Boden nicht mehr aus. Die Folge: In den Baumkronen sterben erste Äste ab. Stehen die Bäume dann zu nah an Waldwegen wie diese hier, müssen sie leider entfernt werden.

„Unser Wald verändert sich derzeit sehr schnell“, sagt Christoph Kurzbach und wird ernst. „Der Klimawandel treibt uns vor sich her.“ Dass dieser kräftige Baum eines Tages einfach verdursten könnte, das wäre vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen. Bei den Nadelhölzern sieht es kaum besser aus. „Fichten waren schon immer anfällig für den Borkenkäfer“, sagt der Revierförster. Bei den kräftigen Tannen war das aber lange kein Thema. „Hier, schaut mal!“, sagt der Experte und zeigt auf eine Weißtanne, deren Stamm über und über mit Harztröpfchen benetzt ist. „Damit wehrt der Baum die Eindringlinge ab. Die Frage ist nur: Wie lange noch?“

Unsere Buche hätte jedenfalls noch gut und gern vier Jahrzehnte wachsen können. Bis zu einer Höhe von 40 Metern und mehr. Für die Jungs mit den lauten Sägen spielt das bei ihrer Arbeit allerdings keine Rolle: „Ob der Baum nun 20 oder 50 Meter hoch ist, das macht keinen Unterschied“, erzählt Manuel, nachdem er mit Kollege Klaus Schwörer die Buche im Nu entastet hat. „Nicht die Höhe flößt Respekt ein, sondern der Stammumfang“, meint er. Doch mit der richtigen Technik und den nötigen Sicherheitsvorkehrungen könne eigentlich nicht viel schiefgehen.

Bevor die Forstwirte ihre Sägen überhaupt anwerfen, werden die Bäume daher erstmal großräumig von herumliegenden Ästen und Gehölz befreit. Das schafft Bewegungsfreiheit, sollte etwa ein großer Ast aus der Krone herauskrachen. Dann wird ein sogenannter Fallkerb, ein Dreieck, aus der Seite herausgesägt, auf die der Baum am Ende fallen soll. Auf der anderen Seite wird zum Fällschnitt angesetzt. Ein Holzstück bleibt dabei stehen. Mit einem Keil oder Schlagschrauber wird der Waldhüne schließlich zu Fall gebracht und dann entastet. Drei bis vier Bäume kann das Duo so in einer Stunde schaffen – auch mithilfe eines Traktors und dessen starkem Greifarm, der an diesem Tag von Josef Spothelfer, Mitarbeiter eines privaten Betreibers, gelenkt wird.

Generationenvertrag

Aus sicherer Entfernung schauen Forstbezirksleiter Georg Pfüller und Holger Schütz, Leiter des Amts für Waldwirtschaft im Ortenaukreis, den Arbeiten zu. Was denn mit dem Holz passiere, wollen wir von ihnen wissen? „Unterschiedlich“, sagt Georg Pfüller. „Zunächst bewertet der Förster die Bäume nach ihrer Qualität und kennzeichnet sie entsprechend.“ Der eine Holzmeter geht dann eben in die Möbelfertigung, der nächste in den Brennofen. „Gerader Wuchs, keine eingewachsenen Äste oder faulen Stellen – das sind die Kriterien, auf die es ankommt“, ergänzt Holger Schütz. Der Wald liefere schließlich wichtige Rohstoffe. Da er allerdings nur langsam wächst, ist die Arbeit der Förster und Baumfäller auch immer eine mit dem Blick nach vorne. „Waldarbeit ist seit jeher ein
Generationen-vertrag“, sagt Holger Schütz.

Und die Zukunft steht quasi gleich um die nächste Ecke. In einem kleinen Buchenwäldchen ist sie mit einem weißen Punkt markiert. „Das ist ein sogenannter Z-Baum, ein Zukunftsbaum“, erklärt Georg Pfüller und gibt dem vergleichsweise jungen Gewächs einen liebevollen Klapps. Heißt konkret: Die Forstarbeiter werden sich in Zukunft darum kümmern, dass ihm benachbarte Bäume beim Wachstum nicht in die Quere kommen. Außerdem werden die Äste im unteren Teil regelmäßig abgesägt, damit sie mit den Jahren nicht in den Stamm wachsen und unschöne Astlöcher hinterlassen. „Astrein sollen sie am Ende sein“, sagt Forstleiter Pfüller – daher auch die Redewendung.

Während die Jungs ihre Sägen schon wieder in den Wagen packen, um zum nächsten Baum zu fahren, will uns Revierförster Christoph Kurzbach noch was ganz anderes zeigen: einen weiteren Aspekt seiner Arbeit, der mindestens genauso wichtig ist wie die Wirtschaftlichkeit – den Naturschutz. Wir folgen ihm durch das Dickicht eines jungen Tannenwaldes und gelangen zu einem bemoosten Baum. Auch er ist markiert. Mit einer weißen Welle. „Dieser hier ist eigentlich tot, aber wir lassen ihn trotzdem stehen“, sagt der Förster. Warum? „Weil er ein kleines Ökosystem für sich ist“, sagt Christoph Kurzbach. „Insekten fühlen sich hier wohl, Fledermäuse, Vögel und Pilze – das ist wichtig für das Gleichgewicht im Wald.“ Ganze Totholzgruppen sind deshalb über sein Revier verteilt.  Natürlich nicht direkt an Wegen, an denen sie zum Sicherheitsrisiko werden könnten. Auch Bäume, in denen heimische Vögel wie der Schwarzspecht nisten, lässt man so lange wie möglich stehen.

Wichtige Entscheidungen

„Gerade das Thema Naturschutz ist in den vergangenen Jahren im Wald immer wichtiger geworden“, erzählt Amtsleiter Holger Schütz, der sein Amt in diesen Tagen an seinen Nachfolger Georg Pfüller übergeben wird. Früher sei das natürlich auch schon wichtig gewesen, aber man habe sich weniger grundsätzliche Gedanken machen müssen. „Heute müssen wir Entscheidungen treffen“, sagt der Förster. „Wenn Buchen und Tannen Probleme mit dem Klimawandel haben – welche Bäume werden dann in Zukunft im Schwarzwald eine Chance haben?“, fragt er. Darauf müsse man Antworten finden.

Douglasien könnten eine Option sein. Kastanienbäume ebenso. „Wichtig ist auf jeden Fall, dass man auf mehrere Arten setzt“, sagt Georg Pfüller. Schließlich wisse man erst in Jahrzehnten, ob die Entscheidung für diesen oder jenen Baum die richtige war …

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