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Heiliger Bimbam!

22.4 2019 // Leseprobe aus Ausgabe 17

Heiliger Bimbam!

SIMON SYLWESTRZAK MACHT AUS GEWEIHEN, MADONNEN UND KRUZIFIXEN KUNST. MIT PROVOKATION, ABER AUCH EINEM ANLIEGEN: DER STÜHLINGER WILL TRADITIONEN ZUKUNFTSTAUGLICH MACHEN …

Beim Dachboden-Ausmisten tritt allerlei Vergangenheit zutage. Nur: Was tun mit dem ganzen Kram? Dass Omas „Hörzu“-Sammlung in der Papiertonne landet, ist noch die leichteste Entscheidung. Bei Opas Geweihen fällt sie schon schwerer. Schließlich hing der alte Jäger an seinen Trophäen. Und dann wären da noch das Kruzifix, das immer überm Bett hing, und die Madonna von der alten Wohnzimmerkommode. Darf man sowas wegschmeißen? Oder kommt man dann in die Hölle?

GEWEIHE MIT BLING-BLING

Glücklicherweise gibt es im Südschwarzwald einen jungen Mann, der genau solche Gegenstände ganz gut gebrauchen kann. Simon Sylwestrzak macht aus Geweihen, Kruzifixen und Marienfiguren Kunst. Mit grellen Farben und viel Bling-Bling. Ziemlich provokant, aber immer auch ziemlich ästhetisch. Inzwischen hat der 34-Jährige nicht nur zahlreiche Ausstellungen hinter sich, sondern auch viele Fans. „Holy Dew“ nennt er das Ganze, was so viel heißt wie „heiliger Tau“. Was er damit meint? „Jeden Tag bringt die kondensierte Feuchtigkeit des Waldes neue Energie in den Schwarzwald“, erzählt uns Simon, während wir in dem Wohnhaus in Stühlingen langsam durchs Treppenhaus hinauf in Richtung Atelier steigen. „Ich will alte Traditionen in die Zukunft führen – das ist meine Art von Heimatverbundenheit.“ Oben angekommen steigt uns gleich der Geruch von Farbe in die Nase. Simon ist gerade dabei, eine Madonna anzusprühen. Hinter ihm im Regal liegen unzählige Geweihe, die noch bearbeitet werden wollen. Sechsender, Achtender und sogar Zwölfender. „Je mehr Enden, desto schwieriger wird es“, erzählt der Künstler. Manche bekommen ein Moosmäntelchen übergezogen, andere beklebt er mit Glasscherben oder getrockneten Blüten. Die nächsten kriegen einfach nur Farbe ab. Und die muss grell sein. Schließlich müsse Kunst ja auffallen, wie Simon sagt. Die Geweihe selbst bekommt er zumeist von Jägern. Aber auch über private Spenden freut er sich. Schließlich ist es äußerst selten, dass man bei einem Waldspaziergang einfach so über ein Geweih stolpert …

SCHICKSALSSCHLÄGE

Wenn man den jungen Künstler mit der Spraydose beobachtet, erkennt man gleich – das macht der Kerl nicht erst seit gestern. „Bei mir hat’s klassisch angefangen. Graffitis, Polizei, Sozialstunden und der Gedanke, dass man das Ganze doch auch legal machen könnte“, erzählt er. Trotzdem blieb es zunächst nur ein Hobby. Bis zu einem Surf-Urlaub in Brasilien, der dramatisch endete. Bei einem Überfall wurde Simon so schwer verletzt, dass er im ersten Jahr danach nicht einmal mehr reden oder gehen konnte. „In dieser Zeit reifte in mir der Gedanke, dass ich das, was ich leidenschaftlich tue, ernster verfolgen sollte“, erzählt uns Simon. Gesagt, getan: Im Elternhaus richtete er sich daraufhin ein Atelier ein. Seine Geweihe sind inzwischen sehr gefragt. Bei den Kruzifixen sieht das anders aus. Offensichtlich ist ein Bollenhut tragender Jesus am Kreuz den Schwarzwäldern dann doch ein bisschen zu viel des Guten … „Ich hab’ bisher nur wenige verkauft, aber ich finde es einfach cool“, sagt Simon. Ob das reine Provokation sei, wollen wir wissen? „Manche Reaktionen waren schon heftig, aber ich möchte, dass die Leute sich damit beschäftigen“, sagt Simon. Tradition heiße schließlich nicht, dass alles immer so bleiben müsse, wie es ist. „Die Zukunft hat schließlich auch eine Chance verdient …“

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