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Heimat im Nirgendwo

23.Februar 2018 // Leseprobe aus Ausgabe 10

Heimat im Nirgendwo

Alles hinter sich lassen. Ganz neu anfangen. Nur noch machen, was einem wirklich Freude macht. Wer hat davon noch nicht geträumt? Anne und André Riehle aus Gengenbach haben sich diesen Traum erfüllt und ein altes Schweizer Bergdorf gekauft. Was für ein Abenteuer…

Es soll Männer geben, die für eine Frau alles stehen und liegenlassen. Die alles aufgeben, ein neues Leben anfangen und plötzlich ein neuer Mensch sind. Nun: Das kann einem auch passieren, wenn man sich in ein Dorf verliebt. Anne und André Riehle ist genau das passiert. 2016 waren die beiden in Gengenbachmit ihrer Werbeagentur super im Geschäft. Tolle Kunden, tolle Kollegen, der Rubel rollte – alles super. Kann man so was einfach aufgeben? Man kann. Bereits fünf Jahre zuvor hatte André durch Zufall das Calfeisental und die 750 Jahre Walsersiedlung St. Martinentdeckt. Irgendwo mitten im Nirgendwo. Kein Handy-Empfang, keine größere Stadt in der Nähe und im Winter wegen der Lawinen lebensgefährlich. Aber eben auch wunderschön. Die Berge, die Ruhe, der Charme der historischen Häuser und die Freundlichkeit der Menschen. Ein Sehnsuchtsort.2015 kommen Anne und André wieder ins Calfeisental. Eigentlich sind sie auf der Durchreise, wollen mit den Motorrädern über die Alpen – bleiben dann aber. Warum weiterfahren, wenn man angekommen ist? Am Tag drauf macht André seiner Anne einen Antrag, sie sagt ja und zur Hochzeit lassen sich die beiden die Koordinaten von St. Martintätowieren: 46° 52’ 23,8 Nord, 9° 21’ 44,0 Ost. Dazu das Versprechen, jedes Jahrwieder hinzufahren.

Zurück in die Zukunft

2016 kommt André ins Grübeln: Ist die Werbebranche wirklich die Zukunft? Oder noch mal was anderes machen? Warum eigentlich nicht? Sicher spielt bei diesen Überlegungen auch die Erinnerung an den Burn-Out ein paar Jahre zuvor eine Rolle. In dieser Stimmung machen sich Anne und André wieder auf den Weg nach St. Martin. Kraft tanken an diesem mystischen Ort – und mal mit den Besitzern reden. Vielleicht kann man so etwas Ähnliches ja irgendwo pachten? Pachten nicht, aber kaufen. Denn just an diesem Abend eröffnen die damaligen Eigentümer Conny und Christoph Bacherden Riehles, dass sie die Siedlung veräußern werden. „Ich war völlig baff“, sagt André. „Das hat mich umgehauen. “Nur: Was kostet ein Dorf mit 19 Hektar Land in der Schweiz? Eine siebenstellige Summe muss man dafür schon auf den Tisch legen. Die gemütlichen Gästezimmer, die große Stube, die Küche, das Kirchlein und die Bekanntheit deskleinen Juwels im Heidi-Land: Das alles hat seinen Preis.

„Lass uns ein Dorf kaufen!“

Noch in der Nacht nach der ersten Präsentationseines Konzepts schreibt André Riehle seinem Freund Peter Litterst eine Mail: „Peter, lass uns ein Dorf kaufen!“ Mit dem Schweizer Unternehmer Kurt Schär findet sich schnell ein zweiter Investor, später stoßen noch Hans Link aus Lahr und der Schweizer Industrielle Leo Looser hinzu. Und plötzlich wird der Traum Wirklichkeit.

Schweizer Vertrauensvorschuss

Noch ehe die Sankt Martin Calfeisental AG gegründet ist, bekommen Anne und André schon die Schlüssel für ihre neue Heimat. Schließlich gibt es viel zu tun: Das Dorf muss aus seinem Winterschlaf heraus und die Saison gehört vorbereitet. Karte schreiben, Personal einstellen, die Werbetrommel rühren. Und das mit Erfolg: Von Mai bis Oktober kommen in der ersten Saisonmehr als 1300 Übernachtungsgäste. 80 Prozent der Gäste sind aus der Schweiz, der Rest aus Deutschland und Liechtenstein. Urlauber nutzen St. Martin als Ausgangspunkt für Wanderungen, für Klettertouren oder Ausflüge mit dem E-Bike. Firmen buchen die paradiesisch schöne Einöde für Klausuren und Tagungen. An Wochenenden kommen Schweizer Tagesgäste, bestaunen das alte Dorf, statten dem Kirchlein einen Besuch ab, freuen sich über die Berge und bestellen eine schöne Portion Heimat für den Teller …PLÖTZLICH IST DER KOCH WEG …Nach einem Monat gibt der Koch auf. Schmeißt einfach hin. André muss übernehmen. „200 Essen an einem Sonntag raushauen – für einen Hobbykoch ist das ganz schön anstrengend“, sagt er mit einem Lächeln. „Das kann dich wirklich fertig machen.“ Schließlich hat die Küche mehr zu bieten als nur ein paar Landjäger. In St. Martin gibt es Cap uns und Mal uns, die Klassiker der Graubündner Küche. Für Gruppenmacht André Schinken im Brotteig und auf der Dessertkarte verrät er seine Wurzeln: Oh Schwarzwald, oh Heimat – Schwarzwälder Eistorte mit Schwarzwälder Portwein. An schönen Tagen arbeitet der Belegdrucker im Stakkato: Didd-didd-diddidididd … André bekommt immer mal wieder Gänsehaut. Denn die Schweizer kommen alle auf einmal zum Essen. Punkt zwölf sind die Tische voll. „Du musst gutvorbereitet sein, sonst gehst Du unter“, sagt André, der sich für die neue Saison Unterstützung geholt hat. RTL 2-Kochprofi Andi Schweiger, dereinst im Fallert in Sasbachwalden angefangen hat, wird bei der neuen Karte helfen. Zum einen geht es um optimierte Abläufe, zum anderen um noch mehr Regionalität. Die ist den Schweizern wahnsinnig wichtig: Also fragt André die Jäger nach Wildbret. Eines Tages hängt dann der erste Hirsch in der Küche. Ausgenommen, aber am Stück. Ein Riesenvieh! „Ich hätte den Hirsch auch vom Metzger zerlegen lassen können“, sagt André. „Aber das wäre nicht richtig gewesen. Wir müssen so etwas selber können. “Also hat er sich bei Youtube ein paar Videos gesucht – wo man überraschend viel zum Themafindet. Mit dem Handy in der einen Hand und dem Messer in der anderen ging es dem Hirsch dann ans Leder. Vorderläufe – Schnitt. Schultern auslösen – Schnitt. Rippenbögen vom Rücken trennen …

Die neue Saison

Inzwischen laufen die Vorbereitungen für die Saison 2018. Als erstes steht ein Praktikum bei Kochprofi Andi Schweiger an. Im Mai dann geht die Saison los, wann genau entscheidet das Wetter. Vorher sollen noch ein paar Toiletten erneuert werden. Es gibt Pläne für einen Ausbau des Dorfes und für neue Events. Wie gut, dass André nicht sein ganzes Leben Werbe-Profi war, sondern auch ein paar Jahre als Betoneinschaler und Gas-Wasser-Installateur gearbeitet hat …Ob die beiden angekommen sind? „Ein Stückweit haben wir in Sankt Martin wirklich unsere Heimat gefunden“, sagt André. „Dieser Ortfesselt und bindet uns schon sehr. Es ist ein tolles Gefühl, genau das zu machen, was man wirklich will. Dann ist auch ein 14-Stunden-Tagnicht so schlimm …“

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