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Der Weitspringer

23.November 2018 // Leseprobe aus Ausgabe 13

Der Weitspringer

Mit sechs steht Luis Pojtinger zum ersten Mal auf einer Schanze. Seither ist das Skispringen sein Lebensinhalt. Ein schwerer Unfall machte seinen Traum von einer Profikarriere fast zunichte, Aber er kämpft sich zurück …

Es ist schwer zu sagen, was an diesem fragilen Vierzehnjährigen mehr fasziniert: Diese Mischung aus jugendlicher Schüchternheit und fast schon erwachsener Bestimmtheit. Oder seine Leidenschaft für eine der gefährlichsten und anspruchsvollsten Sportarten der Welt. Vielleicht hilft ja ein Blick auf seinen Arbeitsplatz, die Rothaus-Schanze in Hinterzarten. Beim Blick auf den Anlauf runter zum Sprungtisch und den Auslauf meldet sich automatisch der Überlebensinstinkt und gibt das Ziel vor: „Runter hier! Und zwar genau auf dem Weg, den Du hier raufgenommen hast. Aber zack, zack!“ Aus welchem Holz muss man eigentlich geschnitzt sein, um sich hier runter zu wagen? Mehr noch: Es unbedingt zu wollen? 

UNTERRICHT UNTER FREIEM HIMMEL
Wieder unten an der Hütte des SV Hinterzarten steuert ein zartes Kerlchen auf mich zu: „Hallo, ich bin Luis“, lächelt er verlegen und hält artig die Hand hin. Die Frage nach dem Holz findet er seltsam. Springen will man eben. Punkt. „Angst darfst du nicht haben“, grinst er. „Respekt schon.“ Dabei blickt er sehnsüchtig hoch zur Schanze. Gleich darf er wieder runter. Jetzt hat er Mittagspause. Seine Mitschüler und Trainer vom Ski-Internat Furtwangen essen mitgebrachte Brote, spielen ein bisschen Fußball oder schauen sich Videos von den heutigen Trainingssprüngen an. Luis erzählt aus seinem Leben. Mit einem Blick, der ahnen lässt, dass er schon eine Menge mitgemacht hat. Er kommt aus einer sportlichen Familie. Wo Action ist, das sind die Pojtingers nicht weit. Hirschkopfbande nennen sich die fünf liebevoll, benannt nach dem Berg in Baiersbronn im Nordschwarzwald, wo sie leben. Bei ihnen bestimmen Wintersport, Fahrradfahren oder Joggen die Freizeit. „Dazu machen wir noch ein bisschen Outdoor-Survival: so mit Baumhaus bauen, wandern und dann draußen schlafen“, lächelt er. „Mit sechs habe ich an einem Schulwettbewerb teilgenommen“, erinnert sich Luis. Die Siegprämie, eine komplette Sprungausrüstung, reizt ihn. Er gewinnt, aber die Ausrüstung verstaubt erst mal. Bis einer der Trainer vom SV Baiersbronn auf ihn zukommt und verkündet: „Entweder Du machst weiter oder ich gebe die Ausrüstung einem anderen.“ Luis macht weiter. Gegen den Willen seiner Mutter: Sie ist von der Idee, dass ihr Junge sich von Schanzen stürzen will, nur wenig angetan.

DER GROSSE KNALL
Er hat Spaß an der Sache, gewinnt kleine Wettbewerbe, auch in der Schule läuft es gut. Bis zum 25. März 2014. „Im Chemiekurs sollten wir einen Feuerlöscher selbst bauen. Das Brandmaterial wollte sich nicht entzünden und mein Lehrer hat mit Brennspiritus nachgeholfen.“ Es kommt zur Verpuffung und Luis steht in Flammen. „Ich weiß nur noch, dass ich durchs Klassenzimmer und dann auf den Gang gerannt bin. Mir war sofort klar, dass ich aus den brennenden Sachen raus muss.“ Geistesgegenwärtig zieht er sich aus. „Das hat mir ziemlich viel gerettet.“ Er kommt in eine Spezialklinik nach München. 30 Prozent seiner Haut sind verbrannt. Nach 17 Operationen ist Luis halbwegs wiederhergestellt. Er muss Bewegungen aber erst wieder lernen. Auch das Gehen.

ZURÜCK INS LEBEN
„Ich habe mir jeden Tag neue Ziele gesetzt. Einmal den Gang rauf, dann den Gang hin und wieder zurück, immer ein bisschen mehr“, sagt er rückblickend. Mit eiserner Disziplin erarbeitet sich der damals Elfjährige sein Leben zurück. „Ich hatte ein großes Ziel: Ich wollte unbedingt wieder Skispringen.“ Täglich stellt er sich vor, wie es sein wird, da oben zu stehen, die Schanze runterzufahren und dann durch die Luft zu gleiten. „Das war mein Antrieb.“ Seine Ziele werden ehrgeiziger: „Im Sommer 2016 stand eine Drei-Schanzen-Tournee in Frankreich an. Und die wollte ich unbedingt mitmachen.“ Ärzte und Eltern raten ihm ab. Aber ihm ist nicht zu raten. „Alle haben mir gesagt, ich schaffe das nicht. Aber ich habe es geschafft. Ich wollte es einfach!“

WELLINGER ALS VORBILD
Bei diesen Sätzen, die fast schon wie eine Kampfansage klingen, kommen Erinnerungen an den Skispringer Andreas Wellinger hoch. Und tatsächlich – genau der ist Luis’ Vorbild: „Ich finde es super, wie er nach Rückschlägen gekämpft hat. Das imponiert mir.“ Luis kennt auch seine Schwächen: „An der Athletik und der Beweglichkeit muss ich noch arbeiten.“ Das wissen auch seine Trainer, die ihm nach der Mittagspause noch ein paar Anweisungen mit nach oben geben. „Komm doch mit hoch und guck’s Dir an“, lächelt er. Danke – da wollte ich eigentlich nicht mehr hin … Wir gehen dann doch. Luis sitzt ziemlich gelassen auf dem Balken und blickt konzentriert nach unten. Gedanklich geht er den Sprung von Anfang bis Ende durch.

BERUFSWUNSCH: PROFI
Der Trainer gibt ein Zeichen, Luis stößt sich ab, schießt auf den Schanzentisch zu und dann durch die Luft. Wenige Sekunden später klingt ein sattes „Pfummp“ aus dem Tal: Luis ist gelandet. Trainer Marcus Sommerhalter ist zufrieden. „Ja, er hat Talent“, sagt er über seinen Schützling. Ob es irgendwann mal für die Weltspitze reichen wird, das weiß er nicht. „In den nächsten Jahren wird sich bei ihm noch Einiges entwickeln. Dann sehen wir weiter“, resümiert er. Einen Sonderbonus hat Luis nicht. Er ist ein Sportschüler wie alle anderen auch – Unfall hin oder her. Und was, wenn es mit der Karriere im Sport vielleicht nicht klappt? „Ich möchte Medizin studieren und Chirurg für brandverletzte Kinder werden“, sagt Luis. „Ich kann ihnen und ihren Eltern an meinem Beispiel doch am besten erklären, was im Leben alles machbar ist.“

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