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Wenn Wünsche fliegen lernen

7.1 2021 // Leseprobe aus Ausgabe 24

Wenn Wünsche fliegen lernen

Auf Hügeln brennen Feuer, Funken tanzen durch die Nacht: Die Zeit des Scheibenschlagens ist da. Ein herrlicher alemannischer Brauch, der schon beim Zugucken die Herzen wärmt.

Die Szenerie auf dem Wöpplinsberg hat etwas Magisches: Dunkel heben sich die Umrisse der Bäume gegen den Abendhimmel ab, auf der Festwiese oberhalb von Mundingen brennen Lagerfeuer, die mächtigen Buchenscheite knacken. „Kommt ans Feuer“, begrüßt uns Martin Steinle. „Schade, dass das Wetter nicht optimal ist“, meint der Vorsitzende der Mundinger Narrenzunft Krütsk.pf und erinnert sich an Schneenächte, in denen der Vollmond die Festwiese in ein mystisches Licht tauchte. An Events, die manchmal bis zwei Uhr morgens dauerten, weil alle so viel Spaß hatten und die Scheiben kaum reichten. Und an die vielen Wünsche, die mit den funkensprühenden Scheiben in den Nachthimmel stoben. Ob sie in Erfüllung gegangen sind – wer weiß?

Den Winter vertreiben

Seit 1993 ist die Narrenzunft Ausrichter der Schiewefasnet, wie die Mundinger ihr Scheibenschlagen nennen. Gefeiert wird vorausgesetzt es ist kein Sturm angesagt – immer am Sonntag nach Aschermittwoch, also zur Buurefasnet. Aber das ist von Dorf zu Dorf unterschiedlich. In der Ortenau zum Beispiel findet der Brauch am Fasnachtssonntag statt, drei Tage vor Aschermittwoch. Im Süd- und Hochschwarzwald hingegen hat sich der alte Termin rund um den ersten Fastensonntag gehalten.

„Es geht darum, den Winter auszutreiben“, erklärt Martin. Ob der Brauch heidnischen Ursprungs und seit wann er im Schwarzwald heimisch ist, dazu wisse man viel zu wenig. In den Mundinger Dorfchroniken wird er erstmals Anfang des 19. Jahrhunderts erwähnt.

Es gehe um die Symbolik, erklärt Gerhard Volz, der zweite Vorsitzende der Krütsköpf: „Die glühenden Scheiben schmelzen beim Auftreffen den Schnee und das Grün wird sichtbar – ein Zeichen der Menschen an den Winter, dass er sich zurückziehen möge.“ Genug Munition dafür haben die Mundinger: Die Narrenzunft hat insgesamt 17 Ster Buchenholz für das Feuer und 3500 Holzscheiben mitgebracht. Mitmachen darf jeder, egal ob jung oder alt. Darunter gibt es richtige Cracks, deren Scheiben fast bis nach Emmendingen zu fliegen scheinen…

Technik ist alles

Was es dazu braucht, ist ein Haselnussstecken und die Scheibe, die wie ein dicker Bierdeckel aussieht und in der Mitte ein Loch hat. „Der Trick ist, dass die Scheibe richtig sitzt und die Spitze des Steckens nicht über das Loch hinausschaut“, erklärt Martin. Dann wird sie über das Feuer gehalten, bis sie an den Rändern glimmt, und muss von einer der Rampen am Rand der Festwiese ins Tal geschlagen werden. „Je weiter vorne man am Tisch abschlägt, desto steiler geht sie nach oben, fliegt aber nicht so weit. Je weiter hinten man den Tisch trifft, desto weiter und flacher geht sie“, erzählt er. Gar nicht so einfach. „Üben, üben, üben“, sagt Martin und grinst. Nur: Das geht unterm Jahr nicht. Die Schiewefasnet ist Übungseinheit, Generalprobe und Auftritt zugleich.

Beim Abschlag wird auch gleich das Sprüchlein aufgesagt: „Schiebi, Schiebo, für wen soll die Schiewe go? Für … soll sie go. Schiebi, schiebo, schiebaldrio!“ Für wen die Scheibe gehen soll, ist unterschiedlich. Das können Verwandte, der herzallerliebste Mensch, der Weltfrieden oder die nächste Mathearbeit sein. Egal. Hauptsache, das Ding fliegt.

Übrigens: Auch die Wunschsprüche sind von Gemeinde zu Gemeinde unterschiedlich. In Zell-Weierbach, einem Ortsteil von Offenburg, sagt man: „Schieb, Schieb über de Rhin, wem soll die Schieb sin? Die Schieb soll … sin.“

Ursprünglich wurden diese Verse von den jungen Männern aus dem Dorf aufgesagt, um das Herz einer Angebeteten zu gewinnen. Es gibt aber auch Ecken im Südschwarzwald oder im Markgräflerland, wo die Wünsche eine gewisse Person betreffend weniger nett sind: „Die Schiewe soll danze, dem/ der … an d’r Ranze“…

Ob Wunsch oder Verwünschung  – letztlich geht es um den Spaß und darum, den Brauch an den Nachwuchs weiterzugeben. „Wir vermitteln den Kindern nicht nur die Technik. Wir erzählen viel über die Geschichte und die Tradition“, erklärt Martin. „Das Scheibeschlagen“, sagt er, „gehört einfach zu uns.“

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