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Winter auf Französisch

23.Februar 2018 // Leseprobe aus Ausgabe 10

Winter auf Französisch

Den Vogesen wohnt in der kalten Jahreszeit ein besonderer Zauber inne. Also rein in die Schneeschuhe und rauf auf den Berg…

Die Suppe ist heiß, aber sie dampft nicht mehr. Dafür dampft es aus den Tälern, als stünde dort eine Wolkenmaschine. Ständig steigen Schwaden in den stahlblauen Himmel und werden ins Rheintal geblasen. Westwind. Die weiße Schneefläche glitzert, mittendrin steht ein prächtiger Baum. Langläufer ziehen ihre Spuren. Was für ein Panorama! Mal ehrlich: Feldberg, Kniebis, Ruhestein kennen die winterverliebten Schwarzwälder unter uns doch alle. Aber wer war schon mal in den Vogesen im Winter? Eben. Schnee gibt es auf den elsässischen und lothringischen Gipfeln jedenfalls en masse. Und wie wir auf unserer Schneeschuhwanderung gleich feststellen werden: Dem französischem Winter wohnt ein ganzeigener Zauber inne. Doch bevor es losgeht, müssen wir uns noch stärken …Etwas nördlich vom dritthöchsten Gipfel der Vogesen, dem Hohneck (1363 Meter), serviert Yannick Buhl nach der Suppe einen Berg Spaghetti mit Bolo. Hausgemacht. Er lacht, man sieht es ihm an, dass hier ein Mann zur rechten Zeit am richtigen Platz ist. Yannick ist Bergführer, unterhält im Sommer einen Hochseilgarten und neuerdings ist er auch Hüttenwirt der Schutzhütte Trois Fours. Das musste er machen, sonst gäbe es hier oben gar nichts mehr, sagt er. Und dann gäbe es weder Edelzwicker noch Tee und auch keine Suppe. All das braucht man, wenn man von hier auf Schneeschuhen in die Wildnis startet, um Gämsen anzuschauen. Unser Bergführer ist der Elsässer Bernard Stoehr, 62 Jahre, ein echtes Urgestein der Berge. Der studierte Biologe lebt jeden Sommer ein paar Monate auf Spitzbergen, einer Inselgruppe nördlich von Norwegen. Bernard kennt sich aus mit Flechten, Bäumen und dem Hohneck. Draußen erzählt er die Geschichte von dem jungen Mann, der auf einen Felsen kletterte, um von dort besser fotografieren zu können. Ein Windstoß kam und der Mann war weg … Am Hohneck gibt es die Martinswand, ein 80 Meter tiefer Abgrund, der je nach Wetterlage, bei Schnee, Regen oder Nebel nicht zu sehen ist. Auch jetzt ziehen Wolken auf, aus Blau wird Grau. Und kälter wird’s auch. Gefühlt sind es 12 Grad minus. Zum Glück geht Schneeschuhe anziehen einfach: reinschlupfen, Gurte festzurren, fertig. Das Laufen geht auch fast wie von allein und wir folgen, allez hopp, Bernard zum Parkplatz an der Kammstraße. Die Route des Crêtes ist eine sogenannte Panoramastraße, die den Winter über gesperrt ist. Die Höhenstraße wurde vom französischen Militärangelegt, um Truppen versorgen zu können. Vor 100 Jahren verlief hier noch die deutsch-französische Grenze und sie war erbittert umkämpft. Wir dagegen müssen nur gegen den Wind kämpfen, dank Schneeschuhen geht das prima. Ganz lässig sogar, der Gang in den Schuhen erinnert an ein lümmelhaftes Schlendern und nicht an Wandern.

Hier war noch niemand
Beim Blick auf die Wolken runzelt unser Mountie die Stirn. Er sagt, dass wir wegen Lawinengefahr nicht auf das Hohneck gehen könnten, aber er hat eine andere Tour für uns parat. Und vielleicht sehen wir bei dieser Gämsen. Am Parking biegen wir ab in einen kleinen Wald. Die Äste sind verschneit und haben Bärte aus Eis. Hier war offensichtlich noch niemand, weder von Mensch noch Tier hat es Spuren im Schnee. Wir fühlen uns wie in einem Märchenwald àla Drei Nüsse für Aschenbrödel. Nach ein paar Metern stehen wir auf dem offenen Feld und laufen mit kaltem Rückenwind bergauf. Unterunseren Schneeschuhen knirscht der Schnee, der mit einer feinen Eisdecke überzogen ist.

Ein Meter Schnee und mehr
„Wir sind in 88“, erklärt Bernard, das heißt, dass wir uns im französischen Département Vosges mit der Kennziffer 88, auf der anderen Seite der ehemals deutsch-französischen Grenze befinden. Die Schneetiefe beträgt einen Meter und mehr. „So schön ist es nicht jedes Jahr“, sagt Bernard. Er meint den Schnee, nicht den Wind. Das Wetter wird bestimmt durch den Atlantik. Von dort kommen die Wolken, die auf dieser Seite der Vogesen abregnen oder abschneien. Auf der anderen Seite des Bergkamms (also im Elsass) werden wir weniger Schnee haben, weiß Bernard. Aber jetzt sinkt er mit einem Fuß ein, beim nächsten Schritt hält die Schneedecke wieder. Das ist das Gute an Schneeschuhen. Sie verteilen das Gewicht gleichmäßig. Man sinkt kaum ein. Der Wind bläst härter und die aufgewirbelten Schnee- und Eisstücke picken im Gesicht. Jetzt schweigt man lieber. Wir kreuzen einen markierten Weg, eine Kuhweide und bleiben dann stehen. Weiter vorne ist unser Angstgegner, die berüchtigte Martinswand. Wir sehen nichts außer einer weißen Fläche. „Das sind Überhänge, nicht weitergehen“, warnt Bernard. Wir zweigen links ab und folgen mit Abstand der Martinswand nach Norden. Bernard erzählt von den Bergbauernhöfen unten und warum dort Tannen wachsen und oben meistens Buchen. Die Buchen kommen besser mit dem rauen Klima zurecht. Ein paar krumme Tannen hat es aber. „Die haben kein gutes Leben“, sagt Bernard. Das Klima sei vergleichbar mit Süd-Island, hier oben wachsen sogar arktische Pflanzen und Flechten. Nach der „Eiswüste“ tauchen wir in einen Buchenwald ein und in seine unheimliche Stille. Kein Wind bläst, nichts, aber auch gar nichts ist zu hören. Wir gehen einer Spur nach, die tiefer und tiefer in den Wald hineinführt. Der Weg ist ganz schön schräg und wir rutschen aus, fallen in den Schnee, lachen und rappeln uns wieder auf. Wir machen uns klein und gehen unter Ästen durch, dabei fallen uns kleine Eisstückchen und Schneepuder in den Nacken. Brrrr!

Endlich Gämsen
Bernard geht voran. Wir folgen tapfer bis zu einer schrundigen Felsspitze, die so sehr im Wind liegt, dass jeder Schnee weggeblasen wird. Diese Stelle heißt wie die Schutzhütte Trois Fours. Beiden Einheimischen ist sie noch als Deutsch-Lundenbühl bekannt. Hier liegt einem die Welt zu Füßen. Rechts unten auf einem Hügel entdecken wir braune Punkte. „Das sind Gämsen“, sagt Bernard. Um die 1000 Tiere leben in den Vogesen. Die Population geht auf Gämsen aus dem Schwarzwald und Südfrankreich zurück, die hier angesiedelt wurden. „Wunderbar“, entfährt es Bernard beim Anblick des Schwarzwalds. Freiburg ist gut zu erkennen, Colmar leuchtet zwischen zwei Bergketten, ein weißer Quader wird als Fessenheim erkannt. Der Wind bläst hier genauso heftig wie in Lothringen und wir gehen retour. Die wichtigste Frage lautet nun: Schnaps oder Tee? Beides! Das Schneeschuhausziehen flutscht genauso wie das Anziehen. Nach der Stärkung bei Yannick gehen wir zurück zum Auto. Ohne Schneeschuhe. Was für eine Plackerei! Wir rutschen aus und sinken mit dem Stiefel ein. Elegant geht anders. Als ein junges Paar seine Kinder auf einem Schlitten hinter sich herzieht,wissen wir, dass es nur eine Sache gibt, die besser ist, als in Schneeschuhen zu wandern …

So kommt ihr hin
Von Colmar nach Munster, dann auf der D417 zum Col de la Schlucht, weiter auf der Route des Crêtes Richtung Hohneck und dann auf den Parkplatz Chitelet. Der Weg zum Refuge ist beschildert. Chalet-Refuge Les Trois Fours, Tel. +33 389 77 32 59, www.chaletrefuge3fours.ffcam.fr

 

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