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Ein Indianer kennt seinen Schmerz

9.2 2020 // Leseprobe aus Ausgabe 18

Ein Indianer kennt seinen Schmerz

In St. Georgen bietet Jack Silver regelmäßig Schwitzhütten an. Unser schamanisch erfahrener Autor Pascal Cames durfte sich diese ganz besondere Wellness-Anwendung natürlich nicht entgehen lassen...

Jürgen Schwörer (58) ist ein echter Schwarzwälder, er sagt Ma zum Mann, go für gehen, sto für stehen und den Glaubenssatz der Ur-Schwarzwälder hat er auch drauf: „Wenn man’s nicht ändert, ändert sich nichts.“ Weil er vor langer, langer Zeit mal tief in der Krise steckte, begann er sein Leben zu ändern. Durch Zufall lernte er eine Schamanin kennen und durch sie die indianische Schwitzhütten. Sofort war er Feuer und Flamme. Er lernte die Sweet Medicine der Ureinwohner Nord- und Südamerikas, ging nach New York und absolvierte eine Coaching-Ausbildung. Hier entdeckte er sein komödiantisches Talent. So wurde aus Jürgen Schwörer Jack Silver und so heißt er bis heute.

Und nein: es ist nicht komisch, was er jetzt mit uns vorhat. Wir stehen eingewickelt in Badetüchern, unsere Füße stecken in Stiefeln oder Flipflops. Es ist saukalt und der bissige Wind weht uns kleine Eisdornen in die Haut. In einer Runde von dreizehn Leuten stehen wir am Feuer, das ständig seine Richtung wechselt. Entweder kriegt man den Rauch ab oder die Funken. Beides nervt, ist aber Teil des Deals. Wir nehmen an einer Schwitzhütte teil, wie sie in Nordamerika und wohl auch in Zentralasien gemacht wird. Und jetzt, in diesem Augenblick befinden wir uns im Drachenland, berichtet Jack Silver, der sich nicht Schamane nennen will, aber uns jetzt schamanisiert.

Jack könnte sich auch etwas anderes vorstellen. „Da ist eine kleine Stimme im Ohr: ‚wie alt bist du jetzt? Hast du das nötig‘? Nein, nötig hätte er es nicht, man kennt ihn gut und seine Schwitzhütten sind immer voll, sodass er auch mal einen Termin wegen Schlechtwetter ausfallen lassen könnte. Tut er aber nicht. Nicht einmal bei Gewitter oder minus 15 Grad.

Wir gehen derweil im Sonnengang ums Feuer zur Schwitzhütte, kriechen wie die Hunde hinein
und suchen uns einen Platz. Wir knüllen das Handtuch zusammen und setzen uns auf unseren nackten Hintern. Die Hütte ist kalt. Der Boden richtig eisig.

Wie sollte es auch anders sein? Als wir uns am Nachmittag auf dem Buckel bei St. Georgen versammelt haben, war’s auch schon bitterkalt. Der Himmel war grau, es schneite, die Straßen vereisten. Wir standen im Kreis und Jack ließ eine Schale mit duftenden Kräutern herumgehen.  Weißer Salbei, Thuja, Lavendel und noch ein anderes Kraut glimmen vor sich hin und Jack erzählt, wofür sie gut sind. „Rauch reinigt“, ruft er. Wir geben die Schale ’rum, riechen daran und bewedeln uns mit einer Krähenfeder. Wir: das sind ein Dutzend Leute aus Südbaden, die das Prinzip Schwitzhütte schon kennen, einen Schicksalsschlag hinter sich bringen wollen, ein neues Mindset suchen oder, wie es Matthias sagt, einfach „geilen Scheiß“ erleben wollen.

Wie so viele schöne Erlebnisse, beginnt es auch hier mit Arbeit. Wir müssen die Hütte fertig bauen. Zuerst wähle ich mir’s Holzholen aus, das mache ich mit dem Schlangenmenschen Patrick, der fest eingemummelt ist. Am Waldrand liegen lange Scheite, die wir auf einen Schubkarren laden. Ich trage keine Handschuhe, es geht, noch, aber ich hätte wohl eh keine andere Wahl.

Wir stapeln die Scheite und damit der Haufen nicht umfällt, dreschen wir lange Hölzer mit einem anderen Stück Holz in den Boden. Ich halte den Holznagel und spüre jeden verdammten Schlag in den Händen. Die anderen bespannen ein Holzgerüst mit Filztüchern. Ich helfe mit, halte oben den Stoff, stehe unten auf dem Saum, der Wind bläst, keiner kann weg, alle halten und dann kommt noch eine Folie drüber und wir hoffen, dass die Decken liegen bleiben. Der Wind bläst wie Moby Dick, aber die Hütte steht und liegt wie eine dunkle Ausbeulung in der weißen Landschaft. Die Hütte ist das Symbol für Mutter Erde.

Das Feuer brennt, die Hütte steht, aber was ist mit den 50 Steinen im Feuer? Wir haben sie alle sorgsam ins Feuer gelegt. Sie sind unsere Transformatoren. Glühen die schon? Nein, auch wenn der Wind das Feuer gut mit Sauerstoff versorgt, kühlt er doch gleichzeitig alles wieder runter. Die Steine müssen glühen. Tiefrot. Wenn nicht, wird es eine kalte Schwitzhütte … Also haben wir noch Zeit, gehen uns aufwärmen, trinken eine Tasse Tee.

In der Küche machen wir uns nackig. Jack gibt Instruktionen. Hat jemand eine Krankheit? Besondere Ängste? Niemand. Was ist, wenn jemand nicht mehr kann, aufgeben will? Jack hat viele  solcher Schamanisierungen gemacht. Er weiß, was zu tun ist. Es wird mich betreffen, ich ahne es. Wir laufen hoch ans Feuer, singen gemeinsam, gehen um die Flammen und setzen uns in die eiskalte Hütte. Niemand hat Salbeiblätter gestreut. Frotteetücher sind auch keine da. Wir kriechen auf allen vieren und suchen uns einen Platz.

Der Schlangenmensch bringt den ersten Stein. Dann den zweiten, den dritten. Ein Dutzend Steine werden in die Mitte des Hütte in eine Mulde gelegt. Wie Asteroiden nach dem Big Bang leuchten sie rot, dann dunkelrot, dann schwachrot, graurot und dann leuchtet nichts mehr und auch Jack ist unsichtbar. Er schlägt seine Trommel, wir singen ein Lied.

Es sind Laute, die wir aus Western und Indianerfilmen kennen. Ein Lied für Mutter Erde. Die erste Runde – sie dauert sehr lange – ist die Runde der Erinnerung. Es geht um Großvater Sonne, Großmutter Erde, die Mineralien, die Pflanzen und Tiere, die Menschen. Vorne wird es heiß, von oben tropft kaltes Wasser, aber mein Rücken ist so kalt wie ein Eisfach. Der Boden ist auch kalt, aber ich vergesse es und höre einfach zu.

Jacks Frau Marsha ist der Doorguard, die Hüterin des Tors. Sie öffnet die Hütte, die heiße Luft zieht als Dampf hinaus und verschwindet in der Luft. Marsha erzählt uns später, wie der Dampf aufgestiegen ist, dann über dem Feuer kreiste und wie von einem Sog ins Feuer hineingezogen wurde. Der Mond ist jetzt auch zu sehen. Klare Nacht. Es ist der Anfang vom Ende des Jahres, sagte uns Jack, im Grunde ist jetzt alles möglich, wenn man etwas Neues anfangen will.

Der Schlangenmensch bringt uns neue Steine. Heiß und rot. Sobald die glühenden Steine auf die nicht mehr ganz so heißen Brocken gelegt werden, steigt ein neuer Geruch in die Nase. Es riecht nicht kräutrig, nicht nach Essen oder Urlaub, sondern ganz seltsam. Wie sollte es auch anders sein, wenn ein Stein von einem anderen gegrillt wird?

In der zweiten Runde danken wir uns, unseren Liebsten, vielleicht unseren Feinden und ich spüre die Hitze. Ich schwitze, mein Rücken ist auch warm geworden. Ich schwitze mehr und habe das Gefühl, dass ich verdurste. Einen Herzanfall halte ich für möglich. Irgendwann habe ich den  Wunsch einfach aufzustehen, rauszurennen und in den Schnee zu liegen – auch wenn ich dort krepieren sollte.

Lieber so, als in der Hütte eingehen, verdursten oder verdampfen. „Jack, ich kann nicht mehr!“ Er sagt, ich soll mich hinlegen, die Hütte hätte genügend Platz. Ich aber weiß, wie klein die Hütte ist. Das ist Zwergenland und wir sitzen eh schon eng. Ich soll es probieren, sagt er und ich lege mich auf die nasse, kalte Erde. Da sind keine Steine, nichts, was die Wärme aufnimmt, aber es ist gut. Wie ein Boxer, der auf den Gong wartet, sehne ich die nächste Runde herbei, wenn das Tor wieder aufgemacht wird und kalte Luft hereinkommt. Ich soll mich hingeben, sagt Jack. Ich probiere es. Hingeben. Hingeben ist nicht aufgeben. Keine Flucht. Auch in der nächsten Runde singen wir. Ich halte es nicht mehr aus, beginne zu jammern. Die Hitze kommt in Wellen. Irgendwann sagt Jack, dass ich aufhören soll. Tatsächlich geht’s besser, das muss ich mir merken. Ich halte meine Hände an den Zeltrand, wo sibirischer Winter ist und dann lege ich mir die Hände auf die Stirn und die Stelle neben der Stirn. Mir fällt das Wort für Schläfe nicht mehr ein, ich werde gaga. Die letzte Runde, ich schaffe sie und nicht sie mich!
Wir kriechen heraus, stehen zuerst nackig da.

Es zieht etwas, aber hhmmh! Frische Luft! Gut! Langsam trocknen wir uns ab und wickeln uns in ein trockenes Tuch ein. Ich friere nur an den Füßen. Bis ich mir meine Schuhe angezogen habe, vergehen fünf Minuten, also kann ich auch gleich die Schuhe in die Hand nehmen und in fünf Minuten runterlaufen.

Zurück in der Küche schauen wir uns an. Die einen sind so dreckig, als wären sie hinter einem Traktor gestanden, der durch Matsch fährt. Manche tragen ein Lächeln, andere schauen nach innen. Wir freuen uns auf eine Tasse Tee und den köstlichen Eintopf, über den wir lange reden und rätseln, was wohl drin ist. Wir sind auch gekocht worden, meint jemand. Jack sagt gedünstet. Als ich mich dusche, fließt schwarze Brühe herab. Ich lag am Boden,  bin wieder aufgestanden, es war sehr heiß und es war sehr kalt. „Kurze Schmerzen, lange Freuden“, sagt Jack in der Abschlussrunde.

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