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(M)ein Wochenende in Colmar

9.2 2020

(M)ein Wochenende in Colmar

Von #heimat-Redakteur Pascal Cames

COLMAR? DANN MAL AUGEN AUF: ES GIBT DEN ISENHEIMER ALTAR
UND VIELE WEITERE MEISTERWERKE ZU ENTDECKEN! UND MUND AUF: CHOUCROUTE, RIESLING UND LA FÔRET NOIRE GIBT ES HIER VOM ALLERFEINSTEN

Angeblich leitet sich der Name Colmar von Columbarium ab, also Taubenhaus. Wie einem Taubenschlag geht es hier die meiste Zeit im Jahr auch zu. Aus Japan und China, Nord- und Südamerika, Spanien und Italien kommen sie in Millionen angereist. Warum? Für einen Gang ins Museum, für ein Gläschen Riesling oder für Sauerkraut mit Fisch. Und so will ich es auch halten!

Freitag, 16:00 Uhr
Colmar ist die Stadt der Kirchen, Klöster, krummen Gassen und Torbögen. Als ich die ockerfarbene St.-Martin-Kirche hinter mir lasse, schaue ich durch einen Torbogen und entdecke das Café Au Croissant Doré. Meist sitzen hier ein paar Touristen, die auf die Wände mit den vielen Emailleschildern starren oder Mann und Frau bei Kaffee und Kuchen oder ein paar in die Jahre gekommene Kumpels beim Bier. Heute tratschen ein paar Freundinnen und hinter der Theke steht Claudine. Ganz leutselig freut sie sich auf einen deutschen Gast und babbelt gleich los. „Ein Café Allongé ist ein Americano“, wiederholt sie meine Bestellung, die Globalisierung hinterlässt Spuren. Das Café war vor 30 Jahren eine Bäckerei, die wohl schon vor
100 Jahren hier war. Die Jugendstilschnörkel (frz. Art nouveau) lassen darauf schließen und die Kasse auch. Wenn ich noch Mark und Pfennige hätte, würde ich spaßeshalber damit bezahlen. „Tschüüss“, flötet Claudine zum Abschied, ich eile zum Hotel und dann zur Weinprobe.

Freitag, 18:00 Uhr
Colmar ist definitiv eine Weinstadt! Für ein gutes Glas muss man auch nicht an die Weinstraße, sondern geht zum Winzer. Gleich zwei (Jund, Karcher) hat es in innerhalb der Stadtmauern. Ich klopfe bei Karcher an und lasse mir von Gilles, der mit seinem Zwillingsbruder Pierre das Weingut leitet, alles zeigen. Wir probieren uns durch und ich fahre einmal in die Hölle und einmal in den Himmel. Der Riesling schmeckt so grün, dass mir spontan Freddie Frintons
„I kill that cat“ einfällt. Huh, der ist aber frisch! Der Pinot Gris (Grauburgunder) ist dagegen ein eleganter Schurke. In Sachen Wein gut vorbereitet trinke ich einen Hengst Riesling zum Sauerkraut mit dreierlei Fisch im Maison Rouge. Das rote Haus ist dank seines ambitinierten Chefs „Petit Jean“ Colmars heiße Adresse, mittags mit Fleisch vom Grill und Tagesessen und abends à la carte. Die Soße zu Kraut und Fisch ist dank Dill superb gelungen.

Samstag, 9:00 Uhr
Nach dem französischen Frühstück heißt es „Komisssione mache“, wie so manche Elsässer noch zum Einkaufen sagen Das geht prima in der historischen Markthalle. Was es alles hat!  Frisches Gemüse, Cidre, Wurst, Bistros und Küchen aus aller Welt.  Ich schlendere einmal ums Carré und lande bei der Fromagerie Saint Nicolas, die nicht nur Käse verkauft, sondern auch veredelt. Dort probiere ich mich durch dreierlei Comté und erfahre, warum ein 36 Monate alter Käse so salzig schmeckt. Ich schnuppere noch ein bisschen Marktluft, gehe über die Pont Turenne, knipse ein Foto, und laufe  dummerweise ins L’Atelier des Saveurs. Widerstand zwecklos, ich muss Whisky probieren, natürlich Made in Alsace. Hätte ich Lust auf Eau de Vie (Schnaps), könnte ich auch testen ... Wie sich herausstellt ist Monsieur Kielly von Durbacher Geblüt, ein Vorfahr verließ vor 200 Jahren die Ortenau! In der gleichen Straße ist die Pâtisserie Gilg. So bunt, so schön, so edel. Statt eines Törtchen nehme ich ein Mandel-Croissant auf die Hand, um die nächste halbe Stunde zu überbrücken.

Samstag, 12:00 Uhr
Das JY’S ist ein Fall für sich. Kein Fachwerk, dafür Wandmalerei (Trompe-l’œil) im Stil der Renaissance. Wer als „Fürst“ in diesem Reich regiert, ist sofort klar. Jean-Yves Schillinger steht am Pass und hat gleichzeitig den Salon im Blick.  Die Eleganz des JY’S würde wohl überall auf der Welt gut ankommen, Violett und Schwarz sind die bestimmenden Farben, der Weinschrank ist gleichzeitig Deko und Verheißung und die Tische sind großzügig platziert. Für ein Zwei-Sterne-Restaurant ist das JY‘S (Tipp: werktags das Business-Menü!) immer noch preiswert. Das Menü startet kurios. Unter einem kleinen Olivenbaum liegt ein Silberlöffel, der aus der Charité stammen könnte. Darauf eine dicke Olive. Die „Einführung“ gibt ein neues Mundgefühl, denn natürlich ist es keine Olive ... Viele Überraschungen folgen: Zwischengänge, Vor-Desserts, Teller wie gemalt, Teller à la Pop-Art. Übrig bleibt ein Gefühl, wie nach einem Spielberg-Film, nonstop Highlights, von der Foie gras mit einem Cheesecake über den milden Skrei und die pochierten Birnen im süßen Wettkampf mit einer Ganache aus 70 Prozent Schokolade. Auch dazu passen Rieslinge Grand Cru. Was sonst?

Samstag, 14:30 Uhr
Ein zweiter Kaffee wäre gut, ebenso ein paar Schritte und ich schlendere über die Pont Turenne. Logisch: Handyfoto. Weiter zu Claudine, die mich fast wie den verlorenen Sohn begrüßt. Mit einem gehauchten Küsschen werde ich verabschiedet. Jetzt aber Kultur! Verschiedene Antiquitätenläden und das Antiquariat Lire et Chiner (dt. lesen und stöbern) „verschlucken“ mich für eine halbe Ewigkeit. Kochbücher, Comics, Elsässer Literatur, Drucke von Tomi Ungerer fallen mir auf. Gezielt gehe ich in die Espace d’Art Contemporain André Malraux, die in einer ehemaligen Sauerkrautfabrik untergebracht ist. Dieser öffentliche Kunstraum wechselt alle paar Monate Bilder und Skultpuren und wirkt wie ein frischer Windstoß im altehrwürdigen Colmar. Ich langweile mich nicht.

Ein ebenso zeitgemäßer Genuss erwartet mich im Atelier de Yann, dem neuen Star der Pâtisserie. Wo bin ich hier? So ein stylisches Café könnte auch in Paris sein! Endlich kann ich das ausprobieren, was ich im Elsass schon immer schlecken wollte: Fôret Noire.  Yann hat für seine Schwarzwälder Kirschtorte radikal umgedacht, hat Schokolade, Sahne, Kirsche extra angerichtet und als luftiges Konstrukt zusammengebaut. Am Nebentisch wird auch eine Fôret Noire schnabuliert. Alle sind glücklich und ich um eine Erfahrung reicher, die da heißt: Nichts ist umöglich! Von hier stromere ich noch ein bisschen durch die Stadt und lande in der Weinbar Le Cercle des Arômes. Man hatte mich schon  vor 300 offenen Weinen „gewarnt“, aber es sind nur 200. Ich bin nicht enttäuscht. Passend zur Planchette, also zum Brettchen mit Wurst und Käse, probiere ich einen Riesling. Ums Eck gibt es laute Rockmusik in der Bar Les 3 Singes. Ein kleines, kühles Pils, dann hop über die Brücke (andere fotografieren ...) und ins Nest.

Sonntag, 8:30 Uhr
Die Stadt schläft noch und ich mache einen langen Spaziergang durch die fast menschenleeren Gassen und laufe einmal durch den großen Park Champ de Mars. Natürlich fotografiere ich nochmal von der Brücke „mein“ Klein-Venedig, entdecke kurz drauf den Manneken Pis in der Rue des Augustins, verlaufe mich etwas und komme dort an, wo ich hinwollte: Unterlinden-Museum. Natürlich gehe ich zum Isenheimer Altar, setze mich hin, ziehe den Mantel enger (hier ist es kühl) und denke über die Kunst aus alter Zeit nach. Im gleichen Raum sind fantastische Holzskulpturen aus der Renaissance. Seitdem das Museum 2015 von Herzog & de Meuron restauriert und erweitert wurde, gibt es auch viel Platz für alte und neue Kunst, so zum Beispiel ein römisches Mosaik, Wandteppiche, Ölbilder und ganz neu ein großes Kapitel aus der Archäologie. Zwischen dem Kreuzgang aus alter Zeit und der neuen Wendeltreppe geht mir wieder mal das Herz auf.

Sonntag, 14.00 Uhr
Sonntags ist Colmar arm dran. Für eine Choucroute Royale muss man aufs Land, in die Vogesen oder zu Mami. „Der Sonntag gehört der Familie“, sagt Schillinger und so hat jedes gute Resto geschlossen. Was tun? Das Museumscafé kocht auch vorzüglich! Werktags sitzt man hier für eine Suppe, einen Teller Pasta, Coq au vin oder eine Quiche. Ach, Apfeltarte hat es auch! Beim Spachteln schaue ich auf den Hof mit den Apfelbäumen. Ja, hier im Sommer draußen sitzen – das mach ich und komme wieder!

 

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