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Der Mann mit dem Vogel

4.1 2021 // Leseprobe aus Ausgabe 25

Der Mann mit dem Vogel

Eine Uhr braucht einen Vogel, das ist im Schwarzwald ganz klar. Die neuste Idee dazu stammt von Schreinermeister Max Gelling. Und die gucken wir uns jetzt mal an ...

Welches nehmen wir am besten? Max Geling steht hinter einem großen Tisch, als wir hereinkommen. Der Tisch ist voll mit Uhren oder besser gesagt mit Eichenholzstücken, die noch zu Uhren werden. Das erkennen wir an der Form. Max heißt uns zwischen den Klängen des Werkstattradios hindurch herzlich willkommen. Dann lässt er uns erst mal ankommen, wendet sich mit ein paar Handgriffen wieder den Holzstücken zu. Das Radio bleibt an, Max groovt sich ein.

"Entschleunigende Kuckucksuhr"

Heute ist ein entspannter Tag. Die Werkstatt in Kandern-Wollbach hat eigentlich gerade geschlossen und Schreinermeister Max Geling hat sich den ganzen Tag für seine Kuckucksuhren reserviert. Wir dürfen uns eine aussuchen und ihren Weg vom Klotz zur Uhr verfolgen.

„Das sind alles Unikate“, sagt Max und zeigt uns ein Zertifikat, wie er es mit jeder Uhr verschickt. Identisch aber ist bei jeder Kuckucksuhr aus dem Hause Geling die klare, elegante Form. Und gleich ist auch das Prinzip der „entschleunigenden Kuckucksuhr“, wie Max sagt. Der 33-jährige Schreinermeister erklärt: „Die Uhr ruft nicht ‚Kuckuck‘ oder sonst was. Die kann nix, sie ist nur schön.“ So still ist sie sogar, dass wir sie nicht einmal ticken hören, wenn wir sie ans Ohr halten.

„Kriechendes Uhrwerk“, sagt Max und erzählt uns, warum er darauf Wert legt. Den Prototyp der Uhr hat er vor fünf Jahren für seine jetzige Frau entworfen, damit sie eine Uhr in ihrem Studentenzimmer hat. Damit sie aber schlafen kann, durfte nichts „Ticktack“ machen, und „Kuckuck“ schon gar nicht. Das Prinzip der „entschleunigenden Kuckucksuhr“ geht übrigens so weit, dass Max jedes Uhrwerk zuallererst bewusst vom Sekundenzeiger befreit.



Los geht's mit dem Holzklotz

Wir wollen alle Schritte sehen. „Wenn das so ist, holen wir Altholz von draußen“, sagt der Schreinermeister. Das lagert hinterm Haus, denn die Witterung verstärkt die Maserung. An den Holzklotz legt er jetzt das Metermaß an und macht sich erste Gedanken, wie er das Holz zusägt und wie viele Uhren demnach aus diesem Stück Holz voller Historie werden sollen. 65 Millimeter misst eine Uhr in der Tiefe. „Wenn das perfekte Stück Holz mal nur 63 Millimeter hat, dann nehme ich das auch“, sagt Max. Innen ist Altholz immer „ein Überraschungsei“ und was Max damit meint, sehen wir nach dem Aufsägen. Zum ersten Mal zeigt sich die Farbe des äußerlich fast grauen  Holzes. Der Meister ist zufrieden mit der Eiche, wir auch. Er setzt die Schablone an, zeichnet die Form an und hobelt das Holz eben. Danach noch einmal die Schablone: „Was soll oben sein, was unten und wie passt die Maserung auf die Uhr? Das entscheidet sich alles jetzt. Risse können was hermachen. Genau auf der Zwölf sollen sie aber nicht stehen.“

Nachdem die Form erst mit der Bandsäge und danach genauer mit der Kreissäge ausgesägt und geschliffen ist, ist der Uhrenkörper so weit vorbereitet. So steht er dem Kunden zur Wahl. Da wir unsere Uhr haben, geht’s direkt weiter: Zwei Aufhänger fräsen, ein Loch für das Uhrwerk bohren und – da unsere #heimat-Uhr weiß lasiert wird – Farbe auftragen. Max holt den Öllack schon mal. Das Ziffernblatt kommt morgen drauf, wenn dieser getrocknet ist.

    

Währenddessen geht es an den Ast. Der ist aus Lindenholz und „jeder davon ist anders“, sagt Max. Er schnitzt den Ast von Hand und schleift ihn danach, bis er wirklich perfekt ist. Den Vogel sägt er erst grob aus und gibt ihm dann am Schleifbock in Handarbeit seine Form. „Zu Hochzeiten werden oft Uhren mit zwei Vögeln nebeneinander auf einem Ast bestellt“, erfahren wir noch und ob der Ast links oder rechts hinkomme, entscheide entweder der Kunde oder die Maserung des Uhrenkörpers.

Der Ast für unsere Uhr bekommt jetzt samt Vogel eine pinke Lackschicht, um künftig in der #heimat- Redaktion einen Farbakzent zu setzen. „Weiße und schwarze Ziffernblätter gehen aber am besten“, verrät Max noch. Fast hundert Uhren habe er seit 2017 gefertigt. Die Kuckucksuhr neu zu erfinden, sei dabei nie sein Ziel gewesen – aber Unikate zum Identifizieren.

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