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Vollgas!

04.September 2018 // Leseprobe aus Ausgabe 12

Vollgas!

IN MOTORISIERTEN SEIFENKISTEN MIT SLICKS UND SPOILERN DURCH DEN SCHWARZWALD BRETTERN? „DAS MACH ICH“, HAT UNSER CHEF GESAGT UND SICH IN EINEN DER MINI-RENNWAGEN GEQUETSCHT. HIER NUN SEIN BERICHT VON DIESER WILDEN FAHRT …

Freude braucht keinen V8. Ein Zylinderle mit 170 Kubikzentimeter Hubraum reicht völlig aus, um so richtig das Kind im Manne zu wecken. Zumindest in diesem kleinen, weißen Hot Rod mit seinem Fahrgestell aus dem Kart-Rennsport. In der Seifenkiste mit Spoiler und Slicks rattern wir gerade den Schmieh herunter. Herrlich, wie sich die kleine Straße kurvenreich an den Bad Teinacher Hausberg schmiegt. Rauf, runter, links, rechts. Und wir immer mit vollem Karacho drauf. 70 Sachen, 80, 90 – und plötzlich fällt in voller Fahrt die Tachonadel runter. Welle wohl gebrochen. Soll vorkommen. Macht aber nichts. Denn es geht uns nicht um eine Bestzeit von A nach B oder um Rundenzeiten wie sonst auf Kartbahnen, sondern um die pure Freude auf den einsamsten Pisten des Nordschwarzwalds.

NICHT ÜBER DEN GULLY? ZU SPÄT …
Wir düsen die kleine Nebenstraße zum Teinachtal herunter und schlängeln uns zwischen Gullydeckeln und kleinen Unebenheiten der nächsten Haarnadelkurve entgegen. Einfach drübernageln ist blöd, denn die einzige Federung des kleinen Rennwagens ist meine Wirbelsäule. Außerdem verhaut es dir immer wieder die Lenkung, wenn die kleinen Reifen eine Klippe hochmüssen. Aber sonst: Was! Für! Ein! Spaß! Yeehahh!

Verantwortlich für dieses Vergnügen ist Familie Schäfer aus Bad Teinach-Zavelstein. Gunter und Tanja haben hier 1996 den alten Farrenhof gekauft und als Event-Wirtschaft neu erfunden. Wo früher der Dorfbulle zur Freude aller Landwirte aus dem Umland seinen Trieben nachgehen durfte, kommen heute Menschen aus Stuttgart, Pforzheim oder Karlsruhe auf andere Gedanken. Die einen werfen Baumstämme, die anderen verbessern mit Spielen ihren Teamgeist oder futtern sich in der alten Kutscherstube durch die Schwarzwälder Spezialitätenkarte. Porsche ist hier häufiger zu Gast, Mercedes, Bosch und die Deutsche Bahn. Tagsüber sitzt man in den Calwer Tagungshotels beisammen, abends darf es lustiger werden. Früher waren hierfür Kutschfahrten sehr gefragt. Aber gemütlich über die Waldwege zuckeln – „das war einmal“, sagt Tanja.

Die Idee mit den Hot Rods im Nordschwarzwald kommt indes von Michael Kuhnert. Der Mann ist eine dieser Marketing-Maschinen. Mehr Ideen als in ein normales Leben hineinpassen und immer auf der Suche nach dem nächsten Kick. Er hat die Hot Rods in Großstädten entdeckt, wo man sich mit den 100 Kilo leichten Karossen zwischen Papas Vorstadtpanzer, dem Lieferwagen mit Biodiesel und den ebenso stinkenden Linienbussen nun wirklich nicht wohlfühlen kann.

Also in die Walachei! Dorthin, wo man die Straße problemlos für sich haben kann. Wo es Gefälle gibt, Kurven, Panoramen. Und zwischendurch: die Pause am Farrenhof. „Irgendwann hat uns Michael gesagt, dass er aufhören will“, sagt Gunter Schäfer bei unserem Fotostopp auf der Kreuzung bei Neuweiler. „Also haben wir ihm angeboten, die ganze Flotte zu übernehmen, denn mit den Dingern durch die Berge zu zischen, macht einfach Megaspaß!“ Hinzu kommt: Man kann nicht mehr einfach so einen Hot Rod kaufen und zulassen. Die Behörden haben den Sonderfahrzeugen 2017 einen Riegel vorgeschoben. Nur was schon eine Straßenzulassung hat, darf weiterfahren. Beste Aussichten also für die Schäfers – zumal die Cops von Calw die kleinen Kisten auch in ihr Herz geschlossen haben. „Wir sind noch nie angehalten worden“, sagt Sohn Timo. „Oder warte mal: Doch! Aber die Beamten wollten nur für Instagram ein lustiges Foto mit uns und ihrem Streifenwagen machen.“

IN DER NASE: LANDLUFT, GUMMI UND EIN BISSEL ÖL …
Bevor wir jetzt zu sehr ins Erzählen kommen: weiter geht’s! Gentlemen, start your engines! Das Hot-Rod-Fieber hat einen binnen Sekunden wieder im Griff. Du inhalierst die würzige Waldluft, hast aber keine Zeit, nach Pilzen Ausschau zu halten. Du erfreust dich kurz an der Panoramaaussicht rüber nach Frankreich, um dann wieder Gas zu geben. Vollgas! Die Sonne brezelt immer wieder zwischen den Bäumen hindurch und bei kleinen Stopps duftet es nach einer Mischung aus Landluft mit Rindern, Gummiabrieb und Schweiß, Motoröl und Abgas. Wundervoll! Eau de Racing!

In den Kurven machen die Boliden am meisten Laune. Der niedrige Schwerpunkt, die Semi-Slicks – ein GTI würde bei diesem Tempo sicher schon kreischend über den Asphalt radieren. Wir dagegen stemmen uns einfach in die Direktlenkung, glauben an die Kraft der Starrachse, lehnen uns dem Kurvenscheitel entgegen und fühlen uns mit 14 PS am Hintern wie ein Le-Mans-Kandidat!

So ganz ohne Konsequenzen bleibt all das natürlich nicht. Anderthalb Liter Sprit schlürfen die kleinen Rennwagen für eine Zwei-Stunden-Tour weg. Das geht. Mehr Arbeit machen die Verschleißteile. Bremsbeläge braucht es alle paar Wochen. Seinen Riemen frisst der Kreidler-Motor auch gern mal nach nur 2000 Kilometern. Dazu die anfällige Vario-Kupplung: kein Wunder, dass die Schäfers von zwölf Hot Rods immer nur acht oder zehn auf der Straße haben und dass vorneweg auf dem Pick-up ein Ersatzfahrzeug immer dabei ist.

Bezahlbar sind die kleinen Renner übrigens auch. 15 Riesen kostet ein gebrauchtes Fahrzeug, 25 ein neues. Eine Schnuppertour im Hot Rod to rent ist für knapp 60 Euro zu haben, die zweistündige Ausfahrt für 100. Und so lange man einen normalen Autoführerschein hat und nicht gerade mit Flip-Flops daherschlappt, kann man die Kisten auch fahren. „Vor ein paar Tagen haben wir unsere bisher älteste Teilnehmerin begrüßt“, sagt Gunter Schäfer. „81 Jahre war die Dame – und am Ende völlig begeistert, als sie mit 80 Klamotten oben ohne durch den Schwarzwald gedüst ist.“ Oben ohne? „Na, ohne Dach“, sagt Gunter. „Und ich glaube: Gefühlt ist sie binnen zwei Stunden zehn Jahre jünger geworden.“

Die Technik aus dem Kartsport und die herrliche Optik mit freistehenden Reifen, dickem Spoiler, Mega-Kühlergrill und aufgemalten Rostflecken sorgen dafür, dass man mit den Minis die echten Hot Rods gar nicht vermisst. Ist schon klar, dass der Nordschwarzwald mit Scheunen oder Garagen nicht so reich gesegnet ist, in denen vom Opa noch ein Ford Model A oder ein Deuce mit Full-Steel-Body seiner Auferstehung als Hot Rod entgegensieht. Nur wäre das dann eben auch kein 100-Kilo-Fahrzeug, mit dem man wundervoll unkompliziert Spaß haben kann, sondern eher ein chromglänzendes Meisterstück mit dickem Motor, das zum Fahren fast zu schade ist.

IRRE, WIE DAS SPASS MACHT!
Inzwischen ist auch unser Fotograf voll infiziert. Seine Hasselblad liegt vorn im Pick-up, die kleine Sony hängt hinterm Vorderreifen über der Straße, und hinterm Steuer brüllt sich Jan Reiff vor Freude die Sturmhaube vom Gesicht. Völlig irre, wie das Spaß macht! Noch ein Selfie mit Fahrtwind? Aber klar! Und bitte auch noch etwas mit richtig Action. Also schicken wir Timo Schäfer ausnahmsweise auf einen der Schotterwege. Driften, bitte! Vollstoff Richtung Kamera, einschlagen, Handbremse ziehen und schön die Steine fliegen lassen … Kein Wunder, dass niemand mehr nach Kutschfahrten fragt!

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