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Die Schönen und der Boss

4.1 2021 // Leseprobe aus Ausgabe 25

Die Schönen und der Boss

Bio essen, regional denken, aber Kosmetik aus Plastikflaschen? Schwierig findet #heimat-Herausgeber Ulf Tietge und wagt sich an einen Skin-Food-Selbstversuch im Himmelreich

Heute also ist mein erstes Mal. Gleich geht’s rauf auf die Liege. So ayurvedische Klimper Dudel-Musik läuft schon, das Licht ist gedimmt und Lea wartet. Drei Tiegel hat sie für mich gerichtet. Irgendwas zum Reinigen, dann ein Spinat-Peeling mit Rohrzucker und eine Mandelmilch-Maske mit Haferflocken. Ich will gar nicht wissen, wie das auf dem Foto gleich aussieht, aber jetzt noch einen Rückzieher zu machen, kommt natürlich auch nicht infrage.

Mein Problem ist: Ich bin ein Mann. Fast zwei Meter. Gut zwei Zentner. Und in meiner Selbstwahrnehmung so eine Mischung aus Seebär und Wikinger. In diesem Weltbild war für Kosmetik bisher kein Platz. Ich hab ein Shampoo, eine Seife, ein Deo und Zahnpasta mit Bürste. Ich kenne die Funktion von Sonnenmilch im Sommer und manchmal bekomme ich ein Parfum geschenkt. Mit genau diesem Mindset darf ich mich jetzt auf eine Liege fläzen, die ganz schön dünne Beinchen hat …



Halb Küche, halb Labor

Vielleicht aber sollte ich erst einmal erklären, wo wir hier überhaupt sind. Und warum. Also der Reihe nach: Wir sind in Buchenbach. Gewerbegebiet Himmelreich. Glaubt man nicht, wenn man’s zum ersten Mal sieht, steht aber dran. Hier erwartet uns heute Sophia Elmlinger, die Gründerin der Marke Imiko. Dieses Akronym steht für Iss-mich-Kosmetik – und dieses Versprechen darf man wörtlich nehmen. Es gibt hier keine Chemie, keinen Bullshit, keine Konservierungsstoffe. Seife, Deo und Shampoo sind natürlich nicht dafür gedacht, sie aufs Brot zu schmieren – aber man könnte es, ohne danach den Giftnotruf zu brauchen. „Wir arbeiten frei nach Dr. Hulda Clark“, erklärt Sophia. „Lass nichts auf deine Haut, was du nicht auch essen würdest!“

Entsprechend sieht es in den Regalen aus: Alle möglichen Öle stehen hier. Selbst angesetzte Kräuteressenzen in großen Apothekerflaschen. Säckeweise Heilerde. Blechweise Seife von gestern, die noch von Hand in Form geschnitten und verpackt werden muss. Dazu eine Kofferraumladung Grünzeug vom Wochenmarkt. Gurke. Kürbis. Spinat. Äpfel. Zitronen. Und vieles mehr. Alles für uns. Daraus werden wir uns gleich ein paar Masken anrühren, verschiedene Peelings und was wir sonst noch wollen. „Ich hab ein bisschen mehr kaufen müssen, weil ich ja nicht weiß, was für eine Haut ihr habt“, sagt Sophia, nimmt mich und meine Kollegin Jana mal näher in Augenschein und schlägt dann ein paar Rezepte vor. Für mich klingt das meiste wie Müsli oder Smoothie und von daher: Legen wir doch einfach los!



Kräuterliebe ist erblich

Sophia ist nicht eines Tages aufgestanden und hat gewusst, dass sie Kosmetik-Unternehmerin werden möchte. Bis 2016 hatte sie einfach eine Naturheilpraxis. Ihr Papa war Arzt an der Uni Freiburg, die Quirin-Diät für Nierenkranke mit ewig viel Kartoffeln und Eiern ist nach ihm benannt, weil er’s erfunden hat. Sophias Mutter  wiederum ist kräuterkundige Griechin und dieses Gen hat sich wohl vererbt. „Ich hab schon immer Kräuter gesammelt“, sagt Sophia. „Aber irgendwann war der Keller voll und mein Mann sagte: ‚So viel Tee kann keiner trinken. Mach was draus oder ich werf das Zeug weg.‘“

Auf Jamie Olivers Spuren

Option eins war Sophia lieber. Also nahm sie ihre Kräuter und machte mit den Kindern Badekugeln draus. Die kamen gut an. Erst in der Familie, dann in der Nachbarschaft und irgendwann war klar: Badekugeln sind noch nicht alles, was man aus natürlichen Zutaten so mischeln kann.

Zeitgleich mit Sophia begann Anita Bechloch, von Hamburg aus die Welt der Naturkosmetik mit The Glow aufzumischen. Nicht ökig, nicht esoterisch, sondern hip, modern und nachhaltig. Mit ihrem Do-ityourself-Ansatz und den Rezepten kann sich jeder seine eigene Kosmetik zusammenstellen. Täglich frisch oder auf Vorrat – in jedem Fall aber Haut Couture statt Massenware aus dem Chemiebaukasten.

Drei Bücher sind erschienen, auf Instagram geht’s für die Glow-Queen durch die Decke, die Tutorials laufen auf Youtube rauf und runter und weil dann doch nicht jeder selbst mischen will, gibt es die Produkte inzwischen auch fix und fertig im Online-Shop oder dem Handel. Ihre Fans feiern sie seither als Jamie Oliver der Beauty-Branche, denn sie hat mit ihren modernen Kosmetik-Rezept-Büchern einen echten Trend losgetreten. Ihre Botschaft: „Man muss auf die eigene Haut achten, lernen, sie zu verstehen und auf ihre Bedürfnisse eingehen. Dabei hilft keine Beauty-Brand und kein Dermatologe.“

Sophia denkt da ganz ähnlich. Aber sie geht noch einen Schritt weiter. Ihre Kosmetik setzt wo immer möglich auf Regionalität und die Kraft des Schwarzwalds. Sie verzichtet auf Tierversuche und Plastik, produziert vegan und lässt eben nicht einen Hersteller nach ihren Rezepten arbeiten, sondern produziert selbst. Das geht so weit, dass Sophia und ihre acht Mitarbeiter im Frühling und Sommer Kräuter sammeln oder bestimmte Pflanzen im eigenen Garten kultivieren. Sogar die Brennnesseln …

Zuckerrohr statt Plastik

„Du könntest die Flasche auch nehmen und in den Wald werfen“, sagt Sophia, denn sie ist meinem Blick in Richtung der vielen weißen Flaschen gefolgt. „Das Material dafür ist aus Zuckerrohrfasern und vollständig biologisch abbaubar. Für die Etiketten nehmen wir Steinmehl. Noch Fragen?“

Sicher ist den Selbstversuch

Aber ja doch! Wie ist es mit der Haltbarkeit? „Derzeit sechs Monate, aber wir arbeiten daran, zwölf zu schaffen.“ Ohne Konservierungsstoffe? „Ja! Viel ist schon gewonnen, wenn man Öl und Wasser nicht mischt. Dann brauchst du keine Emulgatoren oder Stabilisatoren.“ Ist Naturkosmetik sicher? „Jedes Produkt ist laborgeprüft. Auch wenn das teuer ist. Allein die dermatologische Prüfung der Sonnenmilch kostet 6000 Euro.“ Ist überall Schwarzwald drin? „Nein. Manchmal kommt man an Sheabutter oder Kokosöl nicht vorbei. Aber zumindest ist das aus fairem Handel.“

All das kommt an. 2019 hat Sophia ihren Umsatz fast verdoppelt. Inzwischen gibt es ihre Produkte im eigenen Online-Shop, bei uns unter heimatbude.com sowie individualisiert für ausgesuchte Kosmetikerinnen, Spas, Hotels. „Unsere Marke muss da nicht im Vordergrund stehen. Für uns ist es völlig okay, wenn wir im Hintergrund bleiben, während wir die Welt ein bisschen besser machen“, sagt Sophia. Auch der nächste Entwicklungsschritt geht in diese Richtung: personalisierte Kosmetik über die neue Website von Imiko.

Während wir so reden, sind unsere Cremes fertig. Das Spinat-Peeling sieht nicht so lecker aus, dafür aber ist die Himbeer-Maske für Jana mit Tahin, Honig und einem Spritzer Zitronensaft umso schöner. Ganz Gentleman lasse ich ihr natürlich den Vortritt und bin eine knappe Stunde später ziemlich baff: Man sieht echt einen Unterschied! Wahnsinn, wie Janas Haut und ihre Augen um die Wette strahlen. Scheint schön zu sein … Dann also los. Rauf auf die Liege! Die hält trotz ihrer spillerigen Beinchen. Schon mal eine Sorge weniger. Sekunden später genieße ich Leas Hände, die meine Haut zunächst mit einer Reinigungslotion vorbereitet und dabei leicht massiert. Daran kann man sich gewöhnen, erst recht an einem Arbeitstag.

Wie ich mit grob gemörsertem Spinat-Peeling aussehe, erfahre ich glücklicherweise erst im Anschluss. Daher genieße ich auch diese Behandlung mit voller Wonne. Mein Bart ist dabei zwar ziemlich im Weg und für die Rohrzucker-Kristalle blöderweise sehr empfänglich – aber dafür war meine gefurchte Klingonen- Stirn ewig schon nicht mehr so entspannt. Ich fühl mich super! Von mir aus könnte Lea noch stundenlang so weitermachen. Schon aber kommt sie mit einem warmen Handtuch, wischt mir das Peeling aus dem Gesicht und trägt die Maske auf. Fühlt sich auch gut an. Kitzelt ein wenig, aber ist so angenehm und entspannend, dass ich eindöse und dann aufwache wie frisch geboren – und um eine großartige Erfahrung reicher. Eins ist sicher: Ich komm wieder!

 

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