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Eine schrecklich sportliche Familie

20.August 2019 // Leseprobe aus Ausgabe 16

Eine schrecklich sportliche Familie

Welche Zutaten braucht es für eine Sportlerkarriere? Darüber haben Papa Charly und Sohn Benedikt Doll gebrütet – der eine ist Koch und Läufer, der andere Biathlon-Star

Aus 130 Metern Höhe blickt der Bronzehirsch von seinem Höllentäler Podest auf einem Felszahn hinab in Richtung Ravennaschlucht. Das sportliche Tier, gestählt durch würzige Wildkräuter entlang des Höllenbaches, meisterte laut Legende die Höhe mit einem kühnen Sprung von Fels zu Fels auf der Flucht vor einem Jäger. Längst schon ist er nicht mehr der Einzige, der in dieser Region mit einem Podestplatz auftrumpfen kann … Zum zehnten Mal bereits schlängelte sich Ende Juni der 21,1 Kilometer lange Rundkurs des X-Trail-Run über nahe Stege und Brücken von Breitnau durch die Ravennaschlucht. Der Hirsch läuft da freilich nicht mit. Benedikt Doll hingegen schon. Der 29-jährige Biathlon-Weltmeister nimmt den Wettbewerb während seiner Haupttrainingsphase mit. Schwester Stefanie, die im Langstrecken- und Berglauf zur deutschen Spitze zählt, stand dabei in den vergangenen fünf Jahren ganz oben auf dem Siegerpodest. Und Papa Charly, der noch in den 1990er Jahren als Ultra-Langstreckenläufer auf internationalen Podesten brillierte, kommentiert das von ihm organisierte Rennen.

SPORTLICH SCHLEMMEN

Dass die Familie Doll immer wieder aufs Neue zu sportlichen Höhenflügen ansetzt, hat wohl auch mit dem Beruf des Papas zu tun. Zumindest schafft der ehemalige Olympia-Koch eine wichtige Grundlage dafür. Für die sportlichen Erfolge schwört der Küchenchef, der im Hinterzartener Sonnenhof für Seminargäste kocht, auf gesunde Ernährung. „Als Leistungssportler haben wir bei der Wahl der Lebensmittel immer nach Leistungssteigerung gesucht – je höher deren Nährstoffdichte, desto besser“, sagt Charly und hält uns gleich ein Behältnis mit Amarant unter die Nase. Eine seiner wichtigsten Zutaten in der Küche. „Eine Wucht! Das hat über 500 Prozent mehr Mineralien als Weizen“, schwärmt er. Der Küchenchef und sein Sohn brutzeln für uns in der Hotelküche Brokkoli-Schnitzel, die viel leckerer sind als die AOK-Assoziation vermuten lässt. Rosa Putenfleisch zischt bald schon im Olivenöl. Das Rezept ist aus „Dolls Schwarzwaldlust“, einem gemeinsamen Kochbuch, das die beiden jetzt veröffentlicht haben. „Hier “, sagt Benedikt während er auf das große Becken direkt neben dem Herd zeigt. „Hier war als Kind mein Standardplatz, wenn kein heißes Wasser drin war.“ Und klar, auch der Vater erinnert sich: „Als Benni zwei Jahre alt war durfte er schon mal in den Töpfen rühren und auch die eine oder andere Zutat dazugeben.“ Später habe es dem Sprössling am meisten Spaß gemacht, Pfannkuchen zu schwenken. Heute schwenkt Charly selbst Tomaten, Chili und Zucchini in der Pfanne und verrät uns dabei, wie genau das mit der Panade fürs Putenschnitzel funktioniert – eine Eigenkreation.

GESUND UND LECKER

Mit einem Kochbuch voller Familienrezepte habe er schon lange geliebäugelt, erzählt Benedikt und gesteht, dass er als überzeugter Schwarzwälder auch immer gern ein bisschen mit seiner Heimat angebe, wenn er im Winter mit der internationalen Biathlon-Familie von Weltcup zu Weltcup tingelt. Und wie in der Loipe oder auf der Strecke, trieb auch beim Buch der Ehrgeiz die Beiden an. Sie wollten so gut wie alles selber machen. Im Eigenverlag. Der Fotograf war ein guter Freund. Da wurden für die Aufnahmen die Pfannkuchen immer wieder probeweise in die Höhe geworfen, das Aussehen des Brokkoli-Schnitzels wieder und wieder mit Öl auf saftig getrimmt. Herausgekommen ist ein Bilderbuch, das nicht nur Lust auf gesunde Schwarzwälder Rezepte macht, sondern auf die ganze Region und auf Bewegung in der Natur. Wie lecker kann Gesundes sein – das ist die Botschaft. Voilà, die Schnitzel im Brokkoli-Mantel sind fertig. Naturgrün mit einer dünnen, krossen Hülle. Innen schmelzzart, dazu kackig-würziges Gemüse, das zum Schluss noch mit einem Schuss Kürbiskernöl verfeinert wird.

VOM BLUMENPFLÜCKER ZUM CHAMP

„Wir haben schon immer sehr viel zusammen gemacht, nicht nur in der Küche“, erzählt Benedikt beim Essen auf der Hotelterrasse. „Unsere Leidenschaft war der Ausdauersport. Da habe ich von meinem Vater gelernt, wie man trainieren muss: wie viele Kilometer es in der Woche sein müssen, wie man das Ganze angehen muss, welches die richtigen Pulsbereiche sind.“ Der Vater erzählt dazu die Geschichte von Bennis erstem Lauf. Wie der kleine Stöpsel, kaum fünf Jahre alt, das erste Mal an einem Bambini-Lauf teilnahm. „Wir haben gesagt: ‚Jetzt ist der Start.‘ Da ist er losgelaufen“, berichtet Vater Charly. Doch als der Zögling an einer Wiese vorbeikam, hielt er plötzlich an, um Blümle zu pflücken. „Die Mama rief: ‚Du musst ins Ziel laufen!‘. Da sagte der Bursche: ‚Ach Mama, ich will dir doch noch die Blümle mitbringen!‘“ Für die Schönheiten der Natur hat Benedikt während seiner Rennen längst kein Auge mehr. Mittlerweile mischt der Wintersportler im Biathlon ganz vorne mit: 2017 Weltmeister im Sprint, 2018 zweimal Bronze bei den Olympischen Winterspielen in Südkorea und 2019 bei der WM in Schweden reichte es für die gleiche Anzahl an Silbermedaillen. Seinen Stolz über die sportlichen Erfolge des Sohnes kann Papa Charly nicht verbergen. Schließlich ist der Sport neben dem Kochen auch seine große Leidenschaft. Inzwischen steht der drahtige Langläufer mit der roten Kochmütze seit 50 Jahren beruflich am Herd. Lernte er 1969 noch im damaligen Baden-Badener Hotel Rebenhof die klassische französische Küche, so stellte er vor 30 Jahren wegen des Sports komplett um. „Das hat sich mit der Zeit einfach so entwickelt“, erzählt er. Im „Freistil“, wie er das nennt, komponiert Charly Doll Amaranthspätzle mit einheimischem Gemüse voller Eisen oder Magnesium, peppt Pfannkuchen aus Linsen- Kürbismehl mit Rucola, Champignons und Mozzarella auf. 2002 half er mit seinen kreativen Ideen und Kochkünsten sogar bei den Olympischen Winterspielen in Salt Lake City den Goldmedaillengewinnern Sven Hannawald, Martin Schmidt & Co. auf die Sprünge.

Eine Geheimformel gibt es nicht. Aber klar: Gesund und vor allem frisch muss es sein. An die 20 Kräuter wachsen in Charlys Gärtlein auf 1000 Metern Höhe und quillen geradezu von den Fensterbrettern. Beim Eingang fällt der Blick hinauf auf eine Baumgruppe. Da hat Benni als Kind mit seinen Freunden Baumhäuser gebaut. Und in der Trainingsgruppe bei seinem Vater mit 30 weiteren Kindern „Der Fuchs geht um“ gespielt – gut für die Schnelligkeit und um Schießfehler beim Biathlon auszugleichen. Ob er damit wohl eines Tages auch dem legendären Hirsch im Höllental den Rang ablaufen wird? Benedikt Doll ist zumindest schon mal auf einem sehr guten Weg …

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